Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 58)
- Language
- German
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54 schränkte Raum zwischen Altstädter Ring und Moldau, der zu einem bedeutenden Teil von einem ausgedehnten Friedhof und zahlreichen Synagogen ausgefüllt war, konnte der rapid anwachsenden jüdischen Volksmenge nicht genügen. Nicht wenig trug zu dieser Expansion der Umstand bei, daß die Prager Juden danach strebten, sich ansässig zu machen, Eigentümer unbeweglichen Gutes zu werden, denn solcher Besitz, versichert durch Einverleibung in den Altstädter Judenbüchern, bot ihnen wenigstens einen verhältnismäßigen Schutz vor den Reduktionstendenzen, die ihre Aufmerksamkeit vor allem den nichtangesessenen und keine Kontribution zahlenden Juden zuwandten. Dieses Streben der Juden, sich angesessen zu machen, bietet auch den Schlüssel zum Verständnis der interessanten Tatsache, daß seit der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts — und dieser Zustand dauerte bis zur Abtragung der Prager Judenstadt gegen Ende des XIX. Jahrhunderts — in den Judenhäusern regelmäßig mehrere Personen das Eigentumsrecht besaßen. Die Eigentums- und Besitzverhältnisse der jüdischen Häuser waren infolgedessen so verwickelt, daß die christlichen Ämter kleinmütig und ratlos den Rückzug antraten, wenn sie hier tiefer eingreifen sollten. So wurden und blieben denn auch die Liechtensteinhäuser, wie noch im XVIII. Jahrhundert ein nach der Weißenbergschlacht neu erworbener jüdischer Gebietsbesitz des Prager Ghettos hieß, trotz aller späteren eifrigen Bemühungen, diese Häuser jüdischen Händen zu entwinden, gerade um dieser verwickelter Besitzverhältnisse willen ein dauernder Besitzstand der Prager Judenstadt. Unter dem Schutze des allmächtigen Regenten Böhmens nach der Weißenbergschlacht, Karls von Liechtenstein, waren die Juden dem entschiedenen Widerstande der Altstadt zum Trotz gleich in den Jahren 1622—3 Eigentümer von nahezu vierzig Christenhäusern an der Peripherie der Judenstadt geworden, die zum Großteil christlichen Parteigängern der „abscheulichen" Rebellion konfisziert worden waren. Diese Häuser lagen im Sprengel der Niklas-, Kreuz- und Valentinpfarre. So stieg die Zahl der Judenhäuser auf der Altstadt auf rund 300, die binnen kurzem, noch während des 30jährigen Krieges, fast ganze 8.000 jüdische Einwohner beherbergten; diese Zahl hielt sich in der Folgezeit trotz der durch die Pest herbeigeführten natürlichen Reduktion auf gleicher Höhe, sodaß die hygienischen und Sicherheitsverhältnisse im Ghetto sich nach der Weißenbergschlacht unbeschadet der bedeutenden Erweiterung im Verhältnis zu früheren Zeiten merklich verschlechterten. Der Erwerb der Liechtensteinhäuser stellte daher einen bemerkenswerten Gewinn für das Prager Ghetto dar, doch erwies sich diese Erweiterung gar bald wiederum als unzureichend.8)