Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 57)
- Language
- German
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53 Paläste des nichtkatholischen Adels und die Bürgerhäuser systematisch durchwühlt und ausgeraubt wurden, blieben die Judenhäuser auf Ferdinands ausdrücklichen Befehl sogar vor der lästigen und kostspieligen Militäreinquartierung bewahrt. Dies war jedoch nicht der einzige Gewinn, den dem Prager Ghetto die dem Habsburger gehaltene Treue eingebracht hat. Verschmähte selbst der siegreiche Kaiser, der beständig hohe Summen auf Kriegskosten brauchte, zur Befriedigung der unersättlichen Generäle und zur Belohnung seiner Getreuen nicht das klingende Metall der jüdischen Geschäftsleute und Wucherer — so nannte man allgemein jeden, der sich mit Geldtransaktionen befaßte, — so waren die kaiserlichen Beamten noch viel williger geneigt, blanke jüdische Münze zu nehmen. Die Summe, welche das Prager Ghetto aufzuwenden gezwungen war, um die hohen Ansprüche des Kaisers und seiner habsüchtigen Diener zu befriedigen, war also keineswegs niedrig, trug aber sehr gute und hohe Zinsen. Die Rolle eines Meisl in dieser Zeit allgemeiner Demoralisation und Korruption, da einem unerhörten Konfiskationsschwindel ein Münzschwindel die Krone aufsetzte, übernahm ein schließlich in Prag naturalisierter welscher Jude, Jakob Bassevi. Ihm wurde für seine dem Kaiser geleistete Geldhilfe neben andern seltenen Gunstbeweisen des katholischen Potentaten eine so außerordentliche und für Juden der damaligen und folgenden Zeiten unerhörte Auszeichnung zuteil: die Erhebung in den Adelstand.6) Doch den allergrößten Gewinn, den die Prager Juden aus dem Siege des reformationsfeindlichen Lagers davontrugen, bedeutete die Durchbrechung des älteren, bis zu jener Zeit so gut wie ausnahmslos beobachteten Grundsatzes, daß kein Jude in Prag unbewegliches Gut außer Bereich der bisherigen Judenstadt erwerben dürfe.7) Die Möglichkeit einer bedeutenderen Erweiterung des Ghettos war durch die nach der Weißenbergschlacht geschaffene Lage gegeben. Durch zahlreiche Konfiskationen und freiwillige Auswanderungen ins Ausland um des Glaubens willen war in den Prager Städten eine Menge Christenhäuser freigeworden, deren Preise infolge Massenangebots zusehends sanken. Unter diesen Umständen war die vonseiten der jüdischen Bewohnerschaft geäußerte Kauflust schlechterdings nicht zu übersehen. Die Juden fanden sich bereit und waren auch in der Lage, höhere Summen aufzuwenden als die christlichen Käufer, die wiederum den Vorteil größerer Auswahl genossen. Die in dieser Zeit bewiesene Expansion des Prager Ghettos war freilich auch das natürliche Ergebnis der seit längerer Zeit in der Judenstadt herrschenden Verhältnisse. Die Area der Judenstadt reichte für die wachsende jüdische Bevölkerungszahl nicht mehr hin. Der be-