Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 56)
- Language
- German
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52 welche ihm mit größerer Sicherheit seine bisherige Stellung zu gewährleisten schien, nämlich der Partei des Habsburgerkönigs. Der Ausbruch der antihabsburgischen Revolution der böhmischen Stände i. J. 1618 war gleichzeitig von einem Angriff der Prager Unterschicht auf das Altstädter Ghetto begleitet. Auch der weitere Verlauf des böhmischen Aufstandes konnte die Juden der Ständerebellion gegenüber nicht günstiger stimmen; der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, trugen sie die Unzufriedenheit mit einem Kriege, der ihnen so wenig Gewinn, dagegen aber soviel Lasten brachte, nicht zur Schau. Die vorsichtigen und berechnenden Prager Juden waren infolge ihrer ausgedehnten internationalen Beziehungen gewiß über die wirkliche Lage, namentlich in finanzieller Hinsicht, gut informiert. Sie hatten daher kein Vertrauen auf das Gelingen der Revolution und verbanden mit ihrem Friedensverlangen zweifellos das Verlangen nach einer Restitution der Habsburgerherrschaft.3) Der jüdische Drang nach Erwerb trug schwer einen Krieg, der ihm eine Unterbrechung oder wenigstens eine wesentliche Erschwerung der Geschäftsbeziehungen zu den Nachbarländern brachte, namentlich zu Wien, mit dessen Ghetto die Prager Judenschaft nicht bloß in geschäftlicher, sondern auch in verwandtschaftlicher Hinsicht sehr eng verbunden war. Die böhmischen Stände forderten zwar von den Juden außerordentliche Beihilfen und Dienstleistungen, waren jedoch nicht imstande, ihnen ihre keineswegs geringfügigen Geschäftseinbußen zu ersetzen.4) Was die Stimmung des Prager Ghettos gegen die Stände in nicht geringem Maße noch verschlechterte, war die Befürchtung der Juden, nach dem Abfall des böhmischen Staates von der habsburgischen Dynastie würden sich die böhmischen Stände keineswegs durch die Privilegien verpflichtet fühlen, die den Juden von den Königen aus dem Hause Habsburg zuteil geworden waren, und sie würden vielmehr geneigt sein, die alten Reduktions- und Extirpationspläne in die Tat umzusetzen. Im Jahre 1619 wurde auch tatsächlich das Programm formuliert, die Juden entweder überhaupt zu verjagen, oder wenigstens ihre Geschäfte zu beschränken. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Prager Juden noch vor dem kläglichen Ende des böhmischen Aufstands, vermutlich vor allem durch Vermittlung des Wiener Ghettos, natürlich im geheimen, in freundschaftlichen Beziehungen zu der habsburgischen Partei standen. Der siegreiche Kaiser Ferdinand II. konnte daher den Prager Juden nur wahrheitsgemäß bestätigen, sie hätten ihm während der Rebellion die Treue gehalten.5) Dadurch hatten sich die Prager Juden die Garantie verschafft, daß ihre Stadt nach dem Einmarsch des kaiserlichen und ligistischen Heeres nach Prag nicht zum Gegenstand plündernder Aufmerksamkeit der Soldateska wurde. Während die