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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 51

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 51 (sequence 55)
Language
German
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51 der sich unabwendbar ein Entscheidungskampf auf Leben und Tod zwischen dem christlichen Lager der Nichtkatholiken und Katholiken vorbereitete, keineswegs dazu angetan, dieses brennende Problem zu ontseheiden, das Umsicht und ruhige und dabei allseitige Erwägung forderte. So geriet die Frage der Reduktion bezw. Extirpation des Prager Ghettos, welche i. J. 1602 für eine Zeitlang das öffentliche Interesse wachgerufen hatte, wieder auf lange Jahrzehnte in Vergessenheit, verdrängt durch wichtigere und aktuellere Interessen und Ereignisse. Was die antisemitische Stimmung anlangt, so kam darin in Böhmen vor der Schlacht auf dem Weißen Berge die katholische Minorität mit der nichtkatholischen Majorität über ein, und diese teilte im Prinzip die Anschauung der römischen Kirche bezüglich der Stellung der Juden inmitten der christlichen Gesellschaft. Der vorweißenbergische Antisemitismus entsprang freilich durchaus nicht bloß religiösen Motiven, und auch die jüdische Konkurrenz auf wirtschaftlichem Gebiete reicht nicht aus, um in allen Fällen jene schroffe Mentalität der christlichen Kreise der Judenschaft gegenüber zu erklären, wiewohl die religiösen und wirtschaftlichen Motive in den Beschwerden und Ausfällen gegen die Juden gleichmäßig an erster Stelle standen. Besondere Heftigkeit, wie man sie den zeitgenössischen Dokumenten ganz deutlich entnehmen kann und die sich keineswegs auf Böhmen beschränkte, verlieh diesem Antisemitismus kurz gesagt der Rassengegensatz zwischen der christlichen Majorität und jüdischen Minorität, ein Gegensatz, der sich als Ergebnis des natürlichen semitischen Charakters einerseits und der historischen Entwicklung der jüdischen Diaspora anderseits darstellt. Das abgeschlossene Ghetto bildete der christlichen Gesellschaft gegenüber eine besondere Welt ganz eigener Art in seinem Denken und seiner Kultur, in seinen Moralbegriffen und seinem Empfinden, eine Welt, die sich kraft der Zähigkeit ihrer Traditionen und dank der Festigkeit ihrer Satzungen überall und in jeder Beziehung von den Traditionen und Satzungen ihrer Umgebung schied. Das alles machte aus dem Ghetto ein stetes, der Christenheit widerwärtiges Wahrzeichen der starren Widerstandskraft des jüdischen Moral- und 'Kulturmilieus, an dem alle Assimilationsbestrebungen der christlichen Welt völlig hoffnungslos zerschellten. Und dieses unangenehme Gefühl, welches dem Charakter des christlichen Antisemitismus seine symptomatische Nuance gab, erfüllte nicht bloß die Katholiken, sondern auch die Nichtkatholiken Böhmens; für die Juden wiederum lag die Gedanken- und Moralwelt von Katholiken und Reformierten in gleich unbekannter Ferne. Im Kampfe zwischen dem katholischen und nichtkatholischen Lager neigten sich die Sympathien des Ghettos schlechterdings derjenigen Partei zu,

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