Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0051-2644392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 der Zahl der tolerierten jüdischen Bevölkerung einzuschränken; manchmal steigerte sich dann dieses Programm einer Reduktion der jüdischen Bevölkerung und des jüdischen Handels bis zum Extirpationsprogramm, d. h. zum Plane, die Juden überhaupt zu vertreiben. Wie der nachweißenbergische Antisemitismus seinen Vorläufer im vorweißenbergischen Antisemitismus hat und mit diesem auf der gleichen wirtschaftlichen, religiösen und kulturell-rassigen Grundlage beruht, so haben auch die antijüdischen Reduktions- und Exstirpationspläne der nachweißenbergischen Zeit ihre Vorläufer in analogen Plänen und Versuchen des XVI. Jahrhunderts, die im böhmischen Landtagsschlusse v. J. 1541 und in den Verfügungen König Ferdinands I. ihren Höhepunkt erreichten. Diesen gegen das Prager Ghetto gerichteten Reduktions- und Extirpationsplänen der nachweißenbergischen Zeit ist vorliegende Arbeit gewidmet. Im einleitenden Kapitel wird versucht, unter Hervorhebung des Typischen und unter Verzicht auf Vollständigkeit den stimmenden Akkord des nachweißenbergischen Antisemitismus anzuschlagen; die übrigen Kapitel befassen sich mit dem fünfzigjährigen Zeitraum von 1679—1729, der von fast unablässigem Sturmlauf des christlichen Elements gegen die Judenstadt erfüllt ist; den Abschluß bildet die i. J. 1729 angestellte Konskription des Prager Ghettos — die erste detailierte Ghettokonskription, die sich bis heute erhalten hat. Damit setzt die langjährige Aktion gegen die Juden gleichsam mit einem Schlage ermattet aus, um in einer mehr als zehnjährigen Pause neue Kräfte zu sammeln. Es handelt sich hier um die Darstellung einer historischen Erscheinung, die der wissenschaftlichen Forschung bisher fast völlig unbekannt war und ihr daher ferne lag, einer Erscheinung, die jedoch für die Geschichte des Prager Ghettos der nachweißenbergischen Zeit in mehr als einer Hinsicht ganz neue Klarstellungen bringt. Nunmehr schwindet die Legende vom geruhsamen Leben des Prager Ghettos zu Beginn des XVIII. Jahrhundertes,4) und es fällt die Meinung, als habe der Kampf gegen die Prager Juden erst im zweiten Jahrzehnt des XVIII. Jahrhunderts eingesetzt, in kausalem Zusammenhang mit den merkantilistischen Bestrebungen der Regierung, die seit den letzten Jahren Leopolds I. den christlichen Handel und die christliche Industrie in Böhmen emporbringen wollte. Der Leser dieser Schrift wird erkennen, daß der systematische Kampf gegen das Prager Ghetto auf noch älterer Grundlage schon i. J. 1679 anhebt und daß seine Fortsetzung einer zusammenhängenden, nirgends unterbrochenen Kette gleicht. Die Erkenntnis dieses neuen entwicklungsmäßigen Zusammenhanges lehrt ferner, daß die Vertreibung der Prager Juden zu Beginn der Regierung Maria The-