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Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 44

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Journal
Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
Volume
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 44 (sequence 48)
Language
German
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44 in nachweißenbergischer Zeit berechtigterweise von einer Überwindung des Prager Ghettos durch die deutsche Kultur sprechen, wiewohl damals die deutsche Sprache zum Verständigungsinittel mit der christlichen Nachbarschaft wurde. Eine Annäherung der jüdischen Diaspora an die christliche Bevölkerung konnte erst dann eintreten, als die Christenheit selbst die strenge Isolierung des jüdischen Elementes löste, wodurch bei den Juden eine der Hauptursachen des bisherigen ausdauernden Widerstandes wegfiel. Bis dahin schuf auch das Vorgehen der christlichen Majorität bei der jüdischen Minorität eine zähe und leidenschaftliche, wenn auch notgedrungen nicht zur Schau getragene Abwehrstellung gegen die christliche Welt. Die gegen die Juden vonseiten der christlichen Bevölkerung der nachweißenbergischen Zeit erhobenen Klagen wirtschaftlicher Natur waren freilich keine Frucht erst dieser Zeit und waren auch keine spezifisch böhmische Erscheinimg, sondern sie waren in Böhmen bereits im XVI. Jahrhundert laut erhoben worden; so faßte sie beispielsweise i. J. 1577 der Prag-Alt Städter Handelsmann und Bürger Hans Folk mit bombastischer Ausführlichkeit zusammen.3) Doch nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, als dem wiedergekehrten Frieden zum Trotz der wirtschaftliche Verfall nicht nur nicht haltmachte, sondern unaufhaltsam immer tiefer und tiefer ging, gewannen die Klagen wegen der jüdischen Konkurrenz viel größeren Nachdruck und wurden viel häufiger wiederholt. Die Führung in diesem Sturm auf die Juden hatte die Prager Altstadt, denn auf ihrem Grund und Boden — zwischen dem Altstädter Ring und der Moldau — lag nicht bloß die größte Judengemeinde Böhmens, das Prager Ghetto, sondern bei der St. GalJikirche auch der jüdische Marktplatz, der Tandelmarkt; aber auch vom böhmischen Flachlande kamen heftige Beschwerden wider die Juden. Unter diesen ist besonders charakteristisch das tschechische Gutachten des Matthias Sychrowsky, Hauptmanns der königlichen Herrschaft Zbirow, Tocnik und Königshof; genau hundert Jahre nach Hans Folk, hat er i. J. 1677 sogut wie die allgemeine Meinung der Christen über die jüdische Handelstätigkeit wiedergegeben, indem er schrieb2): ,,Da es eine bekannte und unfehlbare Sache ist, daß überall, wo ein Jude hinkommt, er den hier und in der Umgebung Wohnenden jegliche Handels- und Handwerksnahrung wegnehmen und nicht allein in Gewürz, Leinwand, Zeug und dergleichen Sachen, sondern auch in Schuhwerk, Leder, in Getreide, Eisen, Vieh handeln sowie das arme Volk bewuchern wird; auch trifft es sich bisweilen, was Gesinde, Drescher oder andere böse Leute zusammenstehlen, daß die Juden dies zu übernehmen und zwischendurch sogar selbst zu stehlen pflegen; überdies, mag er auch irgendeinen Zins zahlen, so ist es eine unfehlbare Sache,

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