Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 47)
- Language
- German
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43 — freilich unter Verzicht auf bequeme Wohnverhältnisse — 10.000 bis 12.000 Einwohner zu fassen, eine Ziffer, die namentlich in den ersten Jahrzehnten des XVIII. Jahrhundertes erreicht wurde, als die Prager Judenschaft die volle Hälfte der gesamten Prag-Altstädter Bevölkerung und über ein Viertel (28%) der Gesamtbevölkerung Prags ausmachte. Mit der steigenden Zahl der jüdischen Bevölkerung in Prag stieg natürlich auch ihre wirtschaftliche Bedeutung. Die jüdische Unternehmung auf wirtschaftlichem Gebiete bildete zwar eine gemeinsame Lebensplattform für Christen und Juden, sie gab jedoch auch die Ursache für eine bedeutende gegenseitige Spannung, die mit der wachsenden jüdischen Volksmenge zunahm und in vorzüglicher Weise jene nachweißenbergische Stimmung gegen die Juden speiste, die wir mit vollem Recht als den nachweißenbergischen Antisemitismus bezeichnen dürfen. Analysieren wir diesen Antisemitismus, so finden wir darin neben dem religiösen Element, dem die Atmosphäre der Gegenreformation seine eigentümliche Färbung gab, besonders stark das wirtschaftliche Moment vertreten. Doch waren diese beiden Elemente, die in den zeitgenössischen Quellen am meisten und am ausführlichsten dargelegt und hervorgehoben zu werden pflegten, bloß die augenfälligste Äußerung der vonseiten der Christen gegen die Juden zur Schau getragenen Abneigung, die in ihrem Wesen dem grundsätzlichen Unterschied der kulturellen, moralischen und gefühlsmäßigen Einstellung der sogenannten arischen und semitischen Rasse entsprang. Die Toleranz des jüdischen Volkes in Böhmen reicht zwar zeitlich bis zu den Anfängen der böhmischen Geschichte zurück, doch die Begleitumstände derselben: strenge Konzentrierung und Isolierung, in welcher sich das Eigenleben der jüdischen Bevölkerung, in seinem Kerne von christlichen Einflüssen fast unberührt, abspielte und entwickelte, ließen keine hinreichenden Bedingungen aufkommen für eine Annäherung, geschweige denn einen Ausgleich des christlichen und jüdischen Volkes, der arischen und semitischen Rasse. Und so lebten diese beiden Elemente, mochte auch das eine die erdrückende Mehrheit und das andere eine verschwindende Minderheit bilden, jahrhundertelang nebeneinander, ohne einander bis auf vereinzelte und daher belanglose Ausnahmefälle in den wesentlichen Zügen ihrer Lebensgestaltung näherzukommen. Der christlichen Kultur ist es nicht gelungen, die starre Widerstandskraft der in ihren religiösen Vorschriften verankerten jüdischen Kultur zu schwächen. Wenn sich das Prager Ghetto in vorweißenbergischer Zeit in seinem Verkehr mit den Christen größtenteils der tschechischen Sprache bediente und damit scheinbar einen tschechischen Charakter annahm, so war dies keineswegs der Ausdruck einer Annäherung der jüdischen Bevölkerung an das christliche Element; ebensowenig darf man später