Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 43)
- Language
- German
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38 akustische und musikpsychologische Untersuchungen44 von E. M, von Hornbostel (Beiträge zur Akustik und Musikwissenschaft, herausgegeben von C. Stumpf) angeregt werde. „Man hat bei verschiedenen primitiven Völkern die Beobachtung gemacht, daß es beim Singen einer reinen Melodie gar nicht auf eine genaue, sondern nur auf eine annähernde Intervallgröße ankommt. Man findet in der einstimmigen Musik eine ungeheuere Menge von Intervallen, die der Größe nach zwischen zwei Intervallen unseres Tonsystems fallen u. zw. kommen solche nicht nur als Zufallsprodukte bei ungeübten Sängern vor, sondern auch bei in sich ganz konstanter Intonation." In anderen Gesängen ändere sich die Intonation im Verlauf einer Melodie aber in ganz gesetzmäßiger Weise: Die Tonhöhe rücke beständig hinauf, die Melodiekurve ändere sozusagen kontinuierlich ihr Niveau oder es werde die Tonhöhe eines melodischen Haupttons durch das ganze Stück festgehalten aber die von diesem Hauptton ausgehenden oder zu ihm zurückkehrenden Tonschritte werden größer (odtr kleiner) an bestimmten Stellen der Melodie . . . Oder es träten bei den verschiedenen Wiederholungen „derselben44 Melodiestelle Intervalle auf, die von einander stark abweichen, daß für unser Ohr der Sinn gänzlich geändert werde. Wir wissen daß auch im ältesten christlichen Kirchengesang und im jüdischen Synagogengesang das Veränderungsprinzip wahrzunehmen ist und in jener aus dem Orient stammenden Notenschrift den „Neumea" finden wir das Gleiche vor, nämlich nur die Fixierung des allgemeinen Duktus der Melodierichtung. (Erst die Mensuralmusik hat mit der Einführung der Mehrstimmigkeit die Tonhöhen fixieren müssen). Auch die Ausbildung der nicht streng fixierten Melodieformeln der Juden der „Neginoth44 bedeutete das Gleiche. Erhebung und Senkung der Sprache, merkwürdige im Orient allgemein gebräuchliche Gurgeltöne, die nicht fixierbar sind, reiches Verzierungswesen findet man bei allen monophon musizierenden Völkern. Also bei jenen Völkern, deren Musik von der Sprache mit ihren gleitenden Tonstufen abhängig ist, dürfte sich das rein lineare in der Musik am längsten erhalten haben. Hierher gehört die „Distanzmusik44 gewisser Völker wie die der Javaner und Siamesen, die das aus den Obertönen herzuleitende harmonische Prinzip bis heute nicht kennen. Und mit den Juden wird es wohl ähnlich gewesen sein, wie mit jenen von Hornbostel erwähnten Völkerschaften. So dürfen wir uns wohl erklären, warum im orientalischen Spanien zumeist die Variationsformen ausgebildet wurden, daß orientalische oder dem Orient nahe Völker wie Spanier ,Juden, Slaven und Südländer verhältnismäßig mehr reproduzierende als produzierende Künstler her-