Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 25)
- Language
- German
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20 steht als Geschichtswerk im übelsten Ruf, der Verfasser gilt als Erzlügner, der seine eigenen Erfindungen als geschichtliche Tatsachen ausgegeben hat, und zu alledem ist er von einem geradezu blutrünstigen Hasse gegen die Juden erfüllt. Was weiß er nicht alles von den Juden in Prag zu erzählen! Sie hätten die Brunnen vergiftet, Kirchen in Brand gesteckt, Christenkinder gestohlen, Priester ermordet usw., und Hajek schwelgt förmlich in der Schilderung der Strafen, die sie dafür erlitten, sie wurden verbrannt, ertränkt, gerädert usw. Darf man einem solchen Manne trauen, wenn er etwas über Juden erzählt? Im vorliegenden Falle, soweit seine Erzählung die Synagoge (Schule) betrifft, gewiß. Noch heute weiß man genau, wo sie gestanden hat, sagt Hajek — das nat mit Liebe oder Haß gegen die Juden nichts zu tun, hier hat Hajek eine Jahrhunderte alte Tradition wiedergegeben, die an der Örtlichkeit81) haftete. Und vielleicht sind auch die Umstände, die angeblich zur Erbauung der Synagoge geführt haben, eine uralte Tradition, die noch im 16. Jahrhundert unter dem Volke lebendig war: daß einmal, in grauer Vorzeit, die Juden von Prag vereint mit den Christen gegen einen gemeinsamen Feind gefochten hätten. Ob die Phantasie des Volkes in späteren Jahrhunderten aus den Kreuzfahrern Heiden gemacht hat, oder ob diese Veränderung von Hajek vorgenommen wurde,82) läßt sich nicht sagen. Sicher ist nur: die Angabe des Jahres 995, in dem der angebliche Kampf der vereinigten Christen und Juden gegen die Heiden stattgefunden haben soll, zeigt die geübte Hand des Geschichtsfälschers Hajek. Die Erzählung Hajeks steht jedoch anscheinend im Widerspruch mit dem Bericht Salomo's. Denn dieser sagt, die Juden wären in dem Dorfe jenseits des Flusses nur solange verblieben, bis die Kreuzfahrer (das sind „die Feinde des Ewigen") abgezogen seien. Das wäre also nur kurze Zeit, höchstens zwei Wochen gewesen.83) Nach Hajek muß jedoch der Aufenthalt der Juden auf dem Boden der späteren Kleinseite viel länger gedauert haben, sonst hätten sie nicht dort eine Synagoge sich erbaut. Aber der Widerspruch ist nur ein scheinbarer, beide Nachrichten können ganz gut nebeneinander bestehen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Juden nach Abzug der Kreuzfahrer wieder in ihre alten Wohnstätten im Visehrader Dorf zurückgekehrt sind. Sie sind dort nicht geblieben, weil man ihnen die Synagoge weggenommen hatte84) oder weil sie im Visehrader Dorf sich nicht mehr sicher fühlten. Dann mag ihre Übersiedlung auf das andere Ufer der Moldau erfolgt sein. Wie lange sie in dem neuen Quartiere gewohnt hatten, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, es steht nur fest, daß sie spätestens im 13. Jahrhunderte auf dem Boden des Ghettos, in dem Judenviertel von