Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2644300-2644301--0018-2644359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Das ist sehr auffallend. Umso mehr, als ja Regensburg und Prag in den Berichten der beiden rheinischen Autoren (Elieser und Salome) nicht deshalb genannt worden sind, weil nur in ihnen und in keinem anderen Orte östlich des Rheins Judenverfolgungen stattgefunden hätten,54) sondern sie sind genannt worden, weil sie als die größten und ältesten jüdischen Gemeinden im östlichen Deutschland galten,55) und weil die jüdischen Gelehrten in beiden Städten ihren Genossen am Rhein und in Frankreich bekannt waren, dadurch daß sie von ihnen in strittigen Fragen des Ritus, des Eherechtes usw. Gutachten einholten oder solche erteilten, daß sie regen Anteil an der gelehrten Arbeit der Juden im Westen nahmen.56) So ist es leicht zu erklären, daß wir in Berichten über die Judenverfolgung von 1096, die in Mainz oder Köln geschrieben worden sind, auch die jüdischen Gemeinden von Regensbur<r und Prag finden. Aber wie wäre es zu erklären, daß jemand in einem solchen Bericht anstatt einer Erzählung von den Juden in Prag eine solche über „Schel" gesetzt hätte? „Schel", das die Juden am Rhein damals ebenso wenig gekannt haben, als wir es heute kennen. Unter solchen Umständen drängt sich die Frage auf, ob nicht hinter „Schel" Prag verborgen sei. Und wenn wir die Art der Überlieferung unseres Berichtes in Betracht ziehen, ist sogar die Frage zulässig, oh denn der Autor (Salomo) wirklich „Schel" und nicht Prag geschrieben hat. Denn der Originalbericht, die Handschrift Salomo's, ist uns nicht erhalten, und auch alle älteren Abschriften sind verloren. Wie viele mag es im Rheinlande und in allen größeren jüdischen Gemeinden gegeben haben! Eine einzige späte Kopie ist uns erhalten geblieben, in einer Sammelhandschrift, die 1453 in Treviso in Oberitalien geschrieben worden ist.57) Hier findet sich unser Bericht, aber in welchem Zustande! Der Text ist unvollständig — es fehlt der Anfang — zahlreiche Stellen sind, wie die Herausgeber (Neubauer und Stern) angeben, von der Zensur durchstrichen oder radiert worden, „ferner hat der Kopist dort wo seine Vorlage schadhaft war, oder wenn er aus anderen Gründen sie nicht lesen konnte, Lücken im Text gelassen." Aus dem Abdruck ertährt man noch mehr: der Text weist viele Fehler auf, ein Teil konnte von den Herausgebern verbessert werden, bei anderen ist durch eine Note aufmerksam gemacht, daß das betreffende Wort in der Handschrift stehe. Wieviel von diesen Fehlern der Schreiber in Treviso verschuldet hat, wieviel auf Rechnung seiner Vorlage kommen, darüber läßt sich nicht einmal eine Vermutung äußern, da ja seine Abschrift die einzige ist. Aber auf einen Umstand muß hier hingewiesen werden. Salomo hat seinen Bericht im Jahre 1140 geschrieben, und unsere Abschrift ist aus dem Jahre 1453, volle dreihundert Jahre liegen zwischen beiden. Es ist möglich, daß es hier eine ganze Reihe von Zwischengliedern ge-