Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 14)
- Language
- German
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9 durch Anfragen in diesen Städten. Dann werden wir auch seine Angaben über „Schel" anders aufzufassen haben, nämlich als eine Wiedergabe dessen, was man in „Schel" im Jahre 1140 über die Ereignisse, die sich ein halbes Jahrhundert vorher abgespielt hatten, noch wußte. Gewiß ist nicht alles glaubwürdig, was in dem Berichte Salomes, wie er uns heute vorliegt, steht.39) Aber wer die Erzählung vom Kampf der Juden mit den Kreuzfahrern unbefangen liest, wird doch den Eindruck gewinnen, hier wird von einer Stadt gesprochen, die eine starke jüdische Bevölkerung hat, und von einem Fürsten, der zu den mächtigsten in Deutschland gehört.40) Trifft das für Halle und den Erzbischof von Magdeburg zu? Haben wir (außer der sprachlichen Hypothese Tykocinskis) irgend ein Zeugnis, ein direktes oder indirektes, daiß in Halle zur Zeit des ersten Kreuzzuges eine große jüdische Gemeinde bestanden hat? Nein. Wir haben nicht einmal eine Nachricht, daß Juden in Halle im 11. Jahrhundert ansässig waren.41) Wir haben solche Nachrichten über Juden in den Nachbarstädten Magdeburg und Merseburg, Zeugnisse für ihre Ansässigkeit im 10. und 11. Jahrhundert, aber nicht für Juden in Halle. Denn das älteste Zeugnis von ihrer Niederlassung ist aus dem Jahre 1184. Und doch soll schon ein Jahrhundert vorher eine große jüdische Gemeinde dort gewesen sein! Wäre das wirklich der Fall gewesen, so hätte doch eine solche große Gemeinde wenigstens in den hebräischen Quellen des Mittelalters eine Spur zurückgelassen, es wären doch die Gelehrten von Halle in den Briefen, Gutachten oder anderen Schriften der Rabbiner vom 11. bis ins 13. Jahrhundert genannt worden. Aber nur von einem einzigen ist dies mit Sicherheit nachzuweisen42, während doch aus den großen Gemeinden des östlichen Deutschlands, Regensburg und Prag, eine ganze Reihe in diesen Schriften erscheint.43) Die gleichen Schwierigkeiten zeigen sich, wenn wir — wie dies Tykocinski tut — annehmen, daß der im Berichte Salomos erwähnte Landesfürst der Erzbischof von Magdeburg gewesen ist. Wer wird glauben, daß er ein sehr mächtiger Fürst gewesen ist? Daß er (1096) den bedrängten Juden ohne weiters eine stattliche44) Reiterschar zu Hilfe schicken konnte? Und wie wäre es zu erklären, daß der Autor (Salomo) gerade diesem Erzbischof den Titel 1t£rf| (hasar Fürst) gibt? Eine solche Bezeichnung gebraucht er regelmäßig nur für weitliche Fürsten, nicht für Erzbischöfe oder Bischöfe.45) Man sieht, die Annahme Tykocinskis, „Schel" (5O{£0 sei Halle, ist mit den Grundregeln wissenschaftlicher Kritik nicht im Einklänge. Sie schafft neue Schwierigkeiten, sie braucht neue Hypothesen zur Stütze,46 das ist ein Gebäude das beim ersten Lufthauch zusammenstürzt.