Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Journal
- Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik
- Volume
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 8)
- Language
- German
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3 kar (IL), und das Kapitel, das auf unsere Erzählung folgt, befaßt sich zuerst mit der heiligen Zdislava, die 1252 gestorben sei.9) Zwischen den beiden Kapiteln steht die Erzählung von den Kreuzfahrern und Juden, man möchte glauben, damit sei auch für sie die Zeit bestimmt, der Autor habe mit dem Worte „damals" nichts anderes als den Zeitraum zwischen 1248 und 52 gemeint. Allein hier zeigt sich das stärkste Hindernis. Keine einzige deutsche oder böhmische Geschichtsquelle enthält eine Nachricht, daß zur Zeit des Königs Wenzel I. deutsche10) Kreuzfahrer durch Böhmen gezogen seien, weder ein größeres noch ein kleineres Heer, und auch nicht „irreguläre Kreuzfahrerbanden".11) Aber nicht nur das. Auch unter dem Vorgänger Wenzels, unter König Pfemysl Ottokar I., gab es keine deutschen Kreuzfahrer in Böhmen, ebenso wenig unter den Vorgängern von Premysl Ottokar L, für cfas ganze 12. Jahrhundert fehlen derartige Nachrichten.12) Wir müssen immer weiter zurückgehen, endlich kommen wir auf festen Boden: beim ersten Kreuzzug sind wirklich Kreuzfahrer aus Deutschland nach Böhmen gekommen, die Schar Folchers, die 1096 die Juden in Prag zur Taufe gezwungen hat, wie oben erzählt worden ist. Das Kapitel 86 der Reimchronik, die Erzählung vom Kampf zwischen Kreuzfahrern und Juden könnte sich also nur auf das Jahr 1096 beziehen,13) sie müßte anderthalb Jahrhunderte früher angesetzt werden, als man nach der Reimchronik annehmen sollte. Man darf jedoch nicht glauben, daß mit dieser Feststellung die Sache erledigt sei, denn die Reimchronik ist eine Geschichtsquelle eigener Art. Wer ihr Verfasser gewesen ist, ist bis heute unbekannt,'4) nur soviel ist sicher, daß er die wechselvollen Ereignisse in Böhmen seit dem Tode des Königs Pfemysl Ottokar II. (1278) bis zum Beginn der Regierung des Luxemburgers Johann (1310) miterlebt hat. Besser sind wir über sein Werk unterrichtet, es ist eine gereimte Chronik Böhmens, von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, d. h. bis zu König Johann, in cechischer Sprache, und wahrscheinlich um 1310 abgeschlossen. Ein Buch, erfüllt von Liebe zum ßechischen Volke, und von Abneigung gegen die Fremden, nämlich gegen die Deutschen, der Verfasser ist begeistert von der kriegerischen Tüchtigkeit des öechischen Volkes und besonders seines Adels, sie mögen Cechen bleiben und nicht dem Deutschtum verfallen. Diese national-politische Tendenz hat den Sieg über das eigentliche Geschichtswerk davon getragen: der Reimchronist will auch aus der Vergangenheit die Richtigkeit seiner Sätze erweisen, deshalb hat er manchmal an Stelle geschichtlicher Ereignisse Sagen gesetzt, oder an Quellen, die er benützte, Änderungen vorgenommen, einzelnes weggelassen, anderes hinzugefügt, bis sich die Vergangenheit so darstellte, wie sie der Autor wollte.