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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1903-01-01 · 2 (1903) Heft XII · p. Seite 90

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1903
Issue
2 (1903) Heft XII
Date
1903-01-01
Page
Seite 90 (sequence 93)
Language
German
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90 und dass die Eigenart der streitenden Geister sowohl wie der örtlichen Bedingungen die Erregung genährt haben muss. In der That bringt eine Vertiefung in das Milieu, wie es sich infolge der verhältnismässig späten Emanzipation der Judenheit, wie in selten einer Gemeinde, bis heut stabil erhalten hat, viele Vorgänge aus jenen Kämpfen unserem Verständnis näher. E mden, offiziell stets Jacob Herschel genannt, schildert selbst in seiner Autobiographie (MegiUat sefer) die Erbitterung der ärmeren Gemeindemitglieder gegen einen Vorstand, welcher unter der Amtsführung Ezechiel Katzenellenbogens allmächtig und besonders gegen die minder Bemittelten rücksichtslos gewaltet hatte. Er selbst erkennt in der Bewegung gegen Eyb., dessen Sache ja anfangs der Vorstand zu der seinigen macht, einen Rückschlag der Volksstimmung, den die Amulettenfrage als willkommener Anlass auslöst. Doch auch sonst fand der Ausbruch des Kampfes auf beiden Seiten unterminierten Boden vor. Eyb. wie Emden hatten seit Jahren gewissen Kreisen in der Gemeinde in Verwandtschaft oder Freundschaft nahe gestanden. Aus diesen latenten Gegensätzen wurde nun durch die Vorgänge unmittelbar vor der Rabbinerwahl ein offener Konflikt geweckt. Als wirksame Reibefläche tritt zu Synagoge und Gemeindestube hier noch die Börse hinzu, an der die Gegner täglich Zusammentreffen. Nicht zu unterschätzen sind auch die politischen Motoren, welche hinter den Koulissen ihre Kräfte spielen lassen. Hamburg sucht seine Juden der Gerichtsbarkeit des Altonaer Rabbinates zu entziehen, während Dänemark in dessen Vorrecht sein eigenes schützt. Jedenfalls brachte auch Emden dem neuen Oberrabbiner Vorurteile entgegen, über deren Ursprung und Wesen er uns in seiner Autobiographie die dankenswerteste Auskunft erteilt, während andererseits Eyb. das hohe Ansehen und die einzigartige Machtvollkommen־ heit des übernommenen Amtes vor ungerechter Schmälerung und seine Stellung der Regierung gegenüber, und sei es selbst über den Kopf des Vorstandes hinweg, zu wahren sucht. Der Sachverhalt ist etwa der folgende: Kaum war Eybeschütz im Herbst 1750 nach Hamburg gekommen, als aus Frankfurt und aus Mannheim angeblich von ihm ausgestellte Amulette eintrafen, welche sich zum grössten Teile sabbatianisch deuten liessen. Ein in Hamburg von ihm ausgegebenes Amulett, welches in die Hände Emdens geraten war, gab dem Gerücht von seinem Sabbatianismus die meiste Nahrung. Eybeschütz sandte einen Verwandten als Vermittler an Emden; dieser verlangte jedoch, er solle ihm aus seinem Amulettenbuche einige Proben nebst Erklärung einsenden, dann wolle er alles widerrufen. Daraufhin wird er von einem Anhänger Eybe- Schützens bedroht, und dadurch gereitzt, erklärt er am 4. Februar öffentlieh, solange Eyb. ihm nicht die Amulette schicke, halte er ihn für einen Sabbatianer. Der Altonaer Vorstand verordnet, Emdens Haus und Synagoge zu meiden. Emden erklärt Eybeschütz in den Bann, welcher gegen alle Sabbatianer längst erlassen war. Drei Vorsteher versuchen, jenes Amulett von ihm kerauszubekommen, und als dies misslingt, wird er exkommuniziert. Er wendet sich an die Rabbinate zu Amsterdam, Metz und Frankfurt a. M. um Hilfe und wird widerrechtlich aus den Drei-

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