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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1903-01-01 · 2 (1903) Heft XII · p. Seite 89

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1903
Issue
2 (1903) Heft XII
Date
1903-01-01
Page
Seite 89 (sequence 92)
Language
German
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89 Der ״Hamburger Amulettenstreit“ über die Hinneigung des Oberrabbiners Jon. Eybeschütz zum Sabbatiani smus. Nach Akten des Hamburger Staatsarchivs. Max Müller erzählt einmal in seinen Erinnerungen (.,Alte Zeiten Alte Freunde,“ Gotha 1901), wie ein Geschichtsschreiber ihm seine Not geklagt. Vor seinem Fenster prügeln sich ein paar Jungen, und auf frischer That wird ihm von verschiedenen Personen der Sachverhalt ganz verschieden dargestellt. Wie soll nun der Historiker über Vorgänge, welche Jahrhunderte hinter ihm liegen, ein haltbares Urteil fällen? Müller findet die richtige Antwort: Jeder Zeuge muss eben genau daraufhin geprüft werden, welche Stellung er auf Grund seiner Erziehung, seiner Parteinahme oder äusserer Einwirkungen zu dem Vorfall und den beteiligten Personen einnimmt. Diese Vorsicht empfiehlt sich auch in unserem Falle, bei der Beurteilung eines Streites, der mit explosiver Gewalt eine der grössten deutschen Gemeinden in zwei feindliche Lager zerklüftet, ja bis nach dem fernen Osten und Süden und Westen verheerend gewirkt hat. Selbst nachdem der Gegenstand der erbitterten Fehde längst sein Grab gefunden, wagte niemand daran zurühren. Jede Spur, die neuen Zündstoff bieten konnte, wurde getilgt, vor allem das Aktenmaterial in Gemeindebesitz vernichtet. 1 >ies hinderte freilich nicht, dass die Staatsarchive in Hamburg und in Kopenhagen, welch letzteres nach 1864 die einschlägigen Akten an das Archiv zu Schleswig abgab, die schriftlichen Denkmäler darüber aufbewahrt haben. Wenn wir nun daran gehen, diese archivalischen Belege chronologisch gesichtet darzubieten, so beschränken wir, um die Objektivität des Bildes durch nichts zu beeinträchtigen, Zuthaten aus Eigenem auf gelegentliche Einstreuungen im Dienst der Erklärung oder Verbindung, wo die aktenmässige Darstellung Klarheit oder Zusammenhang vermissen lässt. Vor allem aber folgen wir Müllers Pezept und sehen uns die Persönlichkeiten der beiden Hauptgegner näher an, obwohl, wie wir sogleich erkennen werden, ihre Polle in diesem Drama hinter der gewisser Chorführer nicht selten verschwindet. Auf beiden Seiten wird gewühlt, gehetzt, eingeblasen. Besonders Eyb. wird oft geradezu von seinem Anhang bevormundet. Die bei Auerbach, Gesch. d. Juden in Halberstadt, Halb. 1872 S. 193 vertretene Ansicht, dass durch Land- Streicher, welche sich für Schüler Eyb.’s ausgaben und angeblich von ihm verfasste Amulette verkauften, viel Unheil angerichtet wurde, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass aus einem an sich leicht zu erstickenden Funken sich jählings ein solcher Brand entwickelt, weist ganz von selbst darauf hin, dass hier von früherher reichlich aufgehäufter Zündstoff seine Entladung gefunden,

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