Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 2 (1903) Heft XII
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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58 angenommen werden. (Wenn die Strafe bezahlt ist, wird die weggenommene Ware zurüekgegeben. Es wäre schreiend, wenn die Sage Grund hätte, dass aus den unversiegelten Packen oft ein guter Teil geraubt würde.) . . Das Verhältnis des Juden gegen den Christen gleicht dem zweier Zugtiere, die nebeneinander gespannt gleichen Strang ziehen, den Unterschied nur denn finden, wenn es auf die Nahrung ankommt, da das eine den Hafer erhält, den beide verdient haben, das andere die Erlaubnis — neben dem Acker — sich Disteln zu suchen. Es ist bloss sonderbar — aber zu ertragen, dass der Jude nicht an öffentlichen Orten zulassbar erachtet wird; denn Wirtshäuser sind eben nicht die besten Schulen der Weisheit und Sittenverfeinerung. Nur das ist zwie־ fach auffallend, wenn ein unter besonderer Direktion der Obrigkeit stehendes, der Stadt zugehöriges, von ihr verpachtetes offenes Gasthaus, absichtlich am Baum angelegt, um jeden zu Schiffe ankommenden Reisenden Ruhe, Pflege und Erquickung anzubieten, nur dem Juden unzugänglich ist, der nach einer langen Wasserreise und üb erstandener Mühseligkeit hier vergeblich eine augenblickliche Erholung sucht, nichts zu seiner Sättigung und keinen erfrischenden Trunk erhalten — nicht einmal den Altan besteigen darf, um des freien Anblicks über den Hafen hin, zu gemessen. So wurde ein sehr gebildetes, berlinisches jüdisches Frauenzimmer, die in ihrer Heimat in Palästen des Zutritts gewohnt, und die merveilles von Hamburg zu sehen, hierher gereist war, auf dem Baumhause abgewiesen — eine Tatsache, deren Erzählung in der übrigen gesitteten Welt für übertriebene Karrikatur galt. Härter scheint es, wenn unschuldige, wohlgebildete, zur anständigen Reinlichkeit gewöhnte Mädchens — Töchter jüdischer Eltern, deren Mütter selbst in Berlinischen oder Königsbergischen Pensionsanstalten Bildung erhalten haben, in Hamburg nicht gleiche Vorteile gemessen können. Sie werden entweder gar nicht aufgenommen, oder auf Andringen der Eltern christlicher Pensionisten wieder fortgeschickt, und den besser erzogenen Müttern bleibt nichts, als das zu tun. was sie selbst tun können . . . Vielleicht indessen wird dadurch nur an der Aussenseite der Erziehung etwas verloren, nichts am nützliehen Unterricht, und in betreff der Moralität mag bei dem über alle Massen eingerissenen Sittenverderben der weiblichen Christenheit, wohl gar gewonnen werden. . . . Der Privatunterricht durch Hauslehrer wird dadurch zur Notwendigkeit. Er ist freilich kostbarer, und mancher Vater vom mittelmässigen Vermögen bezahlt monatlich dafür mehr, als ihm seine ganze übrigen häuslichen Bedürfnisse kosten. Der wohlhabendere Jude giebt seinem Hauslehrer mehr, als ein Graf. Das Gehalt desselben in manchen Häusern beläuft sich auf 800 bis 1500 Mark . . . Ohne Geräusch und ohne auf Gymnasien und Akademien gewesen zu sein, haben sich, Gott weiss wie? aber bloss durch eigenen Fleiss, uuter der jüdischen Nation viele Jünglinge die nötigsten Kenntnisse verschafft, und geschickt gemacht, Unterricht zu erteilen, der jede Erwartung übersteigt. Bei den Vorwürfen, die wegen Mangel an Unterricht der jüdischen Jugend gemacht werden, um sie unfähig zu erklären, zu etwas mehr als zum elenden Schacher zu taugen, hielt ichs für Pflicht, mich um das Unterrichtswesen in jüdischen Häusern genau zu bekümmern, um über eine unerkundete Sache nicht etwas bloss ins Gelag hinein zu schreiben, von dem, was ich sage, Grund angeben zu können. Es fand sich, dass nicht so viel christliche Kandidaten in Hamburg sind, als geschickte jüdische Hauslehrer [etwa 50] sich so ganz in der Stille angesammelt haben. Die polnischen Lehrer, die bloss im Talmud Unterricht gaben, sind wie verschwunden . . Preussen, und Potsdam und Berlin, haben für die lehrbedürftige, hamburgische Judenkinder tüchtige und brauchbare Subjekte geliefert. Wenn unter diesen Söhne bekannter Gelehrten sich finden, zum Beispiel der gebildete Sohn des achtungswürdigen berlinischen Schriftstellers Hartog Wessely, angetroffen wird, so