Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 2 (1903) Heft XII
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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15 auf dem Burstah bei der Apotheke ein Herr in schwarzer Seide, der augenscheinlich gleichfalls nach der Neustadt wollte, mit der Frage anhielt: ״Jud, habt Ihr was zu schachern?'*4 Heckscher verneinte und gab ihm die Frage zurück, worauf er eingeladen wurde, mit in des Herrn Absteigequartier zu kommen. Unterwegs fällt es ihm auf, dass sein Begleiter allerlei Umwege macht. Das beunruhigt ihn; der andere scheint sich mit Absicht fremd zu stellen. Heckschers Unruhe wächst, als er das Gasthaus, in welches sie einkehren, ganz leer findet. Nur die Wirtsleute und eine Magd sieht er ab und zu gehen. Man führt ihn in ein abgelegenes Zimmer, und der Fremde zeigt ihm in Gegenwart des Wirtes Gold und Silber und lässt ihn darauf bieten. In seiner Angst kommt ihm der Gedanke, den eingekauften Stoff, den er unter seinem Rock getragen, könnte der Unbekannte für eine Geldtasche gehalten haben, wie sie die jüdischen Geldwechsler um den Leib geschnallt zu tragen pflegten. Er legt also das Zeug auf den Tisch, und sogleich stört der Wirt durch ein höheres Gebot den Handel. Heckscher dankt Gott, als er das verdächtige Haus hinter sich hat und wieder bei den Seinen ist. Am nächsten Tage entsteht ein grosser Auflauf unter den Juden. Die Frau des Ahron b. Mose fragt bei allen Bekannten nach ihrem Manne; er ist seit gestern nicht heimgekehrt. Die Geldwechsler pflegten tagsüber in der Stadt ihrem Geschäfte nachzugehen, aisdann zum Nachmittagsgottesdienst sich einzufinden und, jeder in seinem Studienverein, der Beschäftigung mit dem religiösen Schrifttum obzuliegen. Erst an! Abend kam mail nach Haus und speiste mit der Familie. Das war allgemeine Regel und tägliche Gewohnheit. Ein Ausbleiben musste daher aufs höchste beunruhigen. Kaum hört Heckscher davon, als ihm sogleich sein Erlebnis einfällt. Er teilt es seinem Vater mit, und beide eilen unverziiglieh zur Börse, wo sie sicher waren, Näheres zu erfahren. Liebmann Schammaseh, dem sie das gestrige Abenteuer erzählen, nimmt sofort eifrigst den Faden auf. Er kennt jenen Wirt als einen Bösewicht, dem man das Schlimmste Zutrauen dürfe. Er und Heckscher begeben sich schleunigst an Ort und Stelle. Sie finden, ausser der Magd, niemanden vor und fragen diese, ob der Fremde noch da sei. Es heisst, die ganze Woche sei kein Fremder eingekehrt. Abends fragt Liebmann allein nochmals vor. Die Wirtsleute sollen noch immer nicht zu Hause sein. Das ist doch für ein Wirtshaus kaum glaublich und bestärkt ihn in seinem Verdacht. Am nächsten Tage endlich findet er, von seiner Frau begleitet, den Wirt vor, und als er ihn nach dem Fremden fragt, der Gold und Silber zu verkaufen habe, verfärbt sich der Wirt; er will von einem Fremden nichts wissen. Nun steht