Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 2 (1903) Heft XII
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2642950-2642966-2642968--1061-2643995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 gestattet, sonst würden sie ganz aus der Stadt gehen. Wegen der Juden sei keine Seduction zu befürchten, aber der Calvinismus reisst ein.“ Die Juden berufen sich auf ihre Patrone, sie kommen nie mehr als 15—20 Familien an einem Ort zusammen, .,auch möchte man lieber zuvor dass Schoel Zettel nachsehen undt darnach etwan den numerum familiae dispartiren.“ Am 10. April fordert der ״Pastor Nicolaitanus“ von der Kanzel herab auf, man solle ihm die Hand bieten, das Ungeziefer aus der Stadt zu schaffen. Die Juden werden auf offener Strasse mit dem Messer bedroht. Der Senat lässt in einem Mandat zur Ruhe auffordern. Am 10. August bestehen die Oberalten von neuem auf Austreibung der deutschen Juden. Man solle ihnen sagen, dass sie in 3—4 Monaten hinaus müssten, es soll ihnen zu Michaeli der Aufenthalt auf Ostern gekündigt werden. Das Einzelne sei einer Kommission zu überweisen. Der Rat erwidert am 20. September auf das Andrängen der Bürgerschaft: Die deutschen Juden haben doch gar keine gottesdienstlichen Zusammenkünfte, sondern gehen zu dem Zweck nach Altona. Sie geben keinen Anlass zu Klagen. Ein Teil von ihnen treibt freilich Handlung, dafür zahlen sie aber der Stadt jährlich 900 M. Wenn sie hinaus müssen, wird man sie in Altona, Wandsbek und Harburg mit Freuden aufnehmen, und sie werden so der Stadt mehr schaden, als wenn sie bleiben. Die Oberalten überbringen trotzdem als letzten Bürgerbeschluss: die Forderung der ״Abschaffung4‘ aller deutschen Juden. Der Senat ersucht am 31. Okt., man möge doch wenigstens mit Auswahl aus weisen. Doch es bleibt dabei. Es werden die Juden vorgefordert und es wird ihnen verkündet, dass sie Ostern 1649 alle hinausmüssen. Sie bitten (17./18. Okt.), da sie doch seit 1627 hier wohnten und ״sieh nicht anders denn gebiirlich verhalten, alle onera mit abgetragen." bleiben zu dürfen. Der Senat meint auch, ״man würde conniviren müssen.“ Allein die Oberalten beharren bei ihrer Forderung. 1649, d. 29. Jan., erklären Kapitän und Hauseigentümer der Vorstadt I, wenn die Juden jetzt, da nach dem Friedenschluss ohnehin so viele wegziehen, auswanderten, ״würden sie ihre Häuser und Wacht nicht so woll besetzet behalten können.“ Der Senat sucht den Juden wenigstens eine längere Aufenthaltsfrist zu erwirken. Im April fordern aber die Oberalten von neuem die Ausweisung. Der Senat betont, die Vorstädter würden ohne die Juden nahrungslos und drohten mit Steuerverweigerung. Man könne die Juden, die länger als 20 Jahre hier Schutz genossen, nicht so ohne weiteres hinaustreiben. Man soll sich wenigstens bis Michaeli gedulden. Übrigens werde durch diese Auswanderung Altona gross werden. Doch alle Bemühungen des Senates zu Gunsten der Juden gegen das Andrängen der Bürgerschaft und Geistlichkeit — Pastor