Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 2 (1903) Heft XII
- Date
- 1903-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2642950-2642966-2642968--1056-2643990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Zeitalter der Gliickel von Hameln. Die Hauptquelle für die älteste Geschichte der Altona- Hamburger Juden sind die Aufzeichnungen, welche Dav. Kaufmann unter dem Titel ״Die Memoiren der Glückei von Hameln 1645 bis 1719“ 1896 herausgegeben hat. Weit entfernt von der Trockenheit des Chronisten wie andererseits von aufdringlicher Selbstbe- Spiegelung giebt uns hier eine Hamburger Jüdin ein lebensvolles Bild von den Schicksalen und dem Gemeinwesen ihrer engeren Landsleute in der Zeit seit und kurz vor ihrer Geburt bis zum Jahre 1700, in welchem sie ihre Vaterstadt verlässt, um nach Metz zu übersiedeln. Persönlich Erlebtes, Ueberlieferungen aus dem Munde der nächsten Umgebung, Mitteilungen aus anderer Erfahrung werden in buntem Wechsel, ohne ängstliche Rücksicht auf die Zeitfolge auf den Grund einer Weltanschauung aufgetragen, welche das Ergebnis einer mustergiltigen Erziehung in altjüdischem Geiste darstellt. Was sie hört und erlebt, bestätigt und festigt ihren Glauben an das unmittelbare Walten der Vorsehung im Leben der Völker wie des Einzelnen. Religiös-sittliches Wollen leitet sie wie stets im Leben, so auch bei der Aufzeichnung des Erlebten: ihren Kindern zur Weisung bestimmt sie die Niederschrift. Doch wirkt das Werk weit über die Zeit und den engeren Kreis hinaus. Als das in seiner Art beste Erbauungsbuch verdiente es eher als jedes andere, durch angemessene Bearbeitung allgemeiner Würdigung erschlossen zu werden Glückeis Familie war eine der ersten, die sich in Altona sesshaft gemacht hatten. Ihr Grossvater Natan Mehlreich war aus Detmold dahin gezogen und zunächst bei Natan Spanier eingekehrt, welcher zuerst für sich und seine Familie das Wohnrecht in Altona erwirkt hatte. Die Ansiedelung zählte damals keine zehn Familien. Sie ernährten sich schlecht und recht als Kaufleute. Auch Frauen zogen auf die Märkte, z. B. nach Kiel. Glückeis Grossmutter leiht Geld auf Pfänder, die Mutter klöppelt Spitzen für Hamburger Geschäfte, und als die Arbeit sich mehrt, richtet sie sich, obwohl selbst kaum den Kinderschuhen entwachsen, eine