Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 1 (1903) Heft XI
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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70 man nicht erwarten darf, völlige Uebereinstimmung zwischen einem jüdischen und einem deutschen Liede zu finden. Jedes Lied, das im Volksmunde lebt, wird verändert und zersungen, verkürzt und erweitert, mit anderen Liedern oder einzelnen Versen anderer vermengt Von jedem Lied sind Varianten im Umlauf, die dazu noch nicht alle aufgezeichnet sind, und von den vorhandenen Sammlungen konnten nicht alle benutzt werden. Wenn wir daher auch bei den folgenden Liedern nicht jedesmal mit Bestimmtheit auf diejenige deutsche Fassung hin weisen können, welche als unmittelbares Vorbild des jüdischen Liedes gedient haben muss, so wird doch bei aller Verschiedenheit im einzelnen die Thatsache der Entlehnung nicht abzuweisen sein. N1\ 83. ״Amol is gewen a Meisse .... Amol is ge wen a Mejlech — Der Mejlech hot gehat a Malke — Die Malke hot gehat a Weingorten .... Der Weingorten hot gehat a Bejm — Der Bejm hot gehat a Zweig — Der Zweig hot gehat a Nestele . . . Der Nest hot gehat a Vejgele — Die Vejgele hot gehat a Fligele — Die Fligele hot gehat a Federl u. s w.“ Das ist die weitverbreitete Zählgeschichte vom Birnbaum EB Nr. 1746: Droben auf grüner Waldhaid steht ein schöner Birnbaum .... Was ist auf demselbigen Baum? Ein wunderschöner Ast .... Was ist auf demselbigen Ast? Ein wunderschöner Zweig . . . Dann folgt: Nest. Ei, Vogel, Federn . . . Ebenso Si (= Simrock, Das deutsche Kinderbuch) Nr. 945, 946. Durch Anhängung eines Refrains: ״Ljulinke mein Vejgele, Ljulinke mein Kind!“ ist daraus ein Schlummerlied gemacht worden. An diesen Refrain ist wieder ein Vers aus dem Klageliede einer unglücklich Liebenden geraten: ״,chob ongeworen asa Liebe, wej is mir un wind!“ Ebenso an den der letzten Strophe: ״Wu nehm ich asa Doktor, Wos soll meine Wunden hejlen?“ Die letzte Strophe gehört zu dem Lied von den unmöglichen Dingen, siehe unten Nr. 147. Nr. 85. ״Karehod, karehod (wahrscheinlich das russische Karaül Gewehr *raus!) Elf ent auf dem Thejer. Wer fohrt . . Dem Kejser’s Kinder!“ Dieses Spielliedchen scheint dem: Machet auf das Thor . . Wir kommen mit unsrem Wagen, Eskuche, Hessische Kinderliedchen Nr. 204 nachgebildet. Nr. 90. ״Eine klejne weisse Teibel Fihrte mich in Ejngeland. Ejngeland is zugeschlossen, Un die Schiissel is opgebrochen. Ejns, zwej, drei — Pejlen is varbei, Russ is gelofen Mit alle Harmaten (= Kanonen), Peilen is gebliben Ohn Soldaten.“ Aus zwei Kinderliedchen zusammengefügt, das erste (aus Pommern) bei Dr (= Drosihn, Deutsche Kinderreime) Nr. 218: Eine kleine weisse Bohne Führte mich nach Engelland; Engelland war zugeschlossen Und der Schlüssel war zerbrochen. Nur bei Lenike, Volksthümliches in Ostpreussen I, S. 126 und W (= Wegen er, Volksthüml. Lieder a. Norddeutschi.) Nr. 570 lautet es ״Taube“, sonst überall ״Bohne“, z. B. BK (= Böhme, Deutsches Kinderlied und Kinderspiel) Nr. 1752. Si Nr. 750. Zum zweiten Teil vgl. D1* Nr. 227: 1, 2. 3, Mit den Franzosen ists vorbei, Die Preussen haben ihn fett gemacht u. s. w. Nr. 91. ״Jechal Pan Vier mol heren, Wenn’t die Kode Fartig weren? Uhr sechs, Wert Gebäcks, Uhr sieben, Wert gerieben, Uhr acht, Wert gemacht, Uhr nein, Wet die Kode Fartig sein.“ Der Anfang dieses Liedchens lautet un entstellt- Amtmann (in Wien: Der Herr von) oder. Doktor Bär Schickt mich her, Ob der Kaffee Fertig wär? Die Fortsetzung muss, wie sich aus derin Wien bekannten Fassung mit der bei Fr (Frischbier, Preuss. Volksreime