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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1903-01-01 · 1 (1903) Heft XI · p. Seite 69

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1903
Issue
1 (1903) Heft XI
Date
1903-01-01
Page
Seite 69 (sequence 69)
Language
German
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69 vom Kätzchen und Mäuschen in den Schlaf gelullt. Dagegen äussert sich die jüdische Mutterliebe in der Entwickelung eines förmlichen Erziehungsprogrammes. Dem jüdischen Knaben wird schon an der Wiege gesungen, dass er ins ״Cheder laufen" und ״Thora lernen“, später unter die ״Gimpe״ kommen, endlich ein ״Tane“ werden, ״Drosches sagen“ und ״Schailes paskenen“ wrerde. Auch das ״S’chejre kaufen“ wird nicht vergessen. Noch unerquicklicher sind die Wiegenlieder für Mädchen, denen nicht bloss das ,, Bichelech lesen“ und ״Tiehelech stricken“ vorausgesagt wird, sondern auch dass sie als ״Daniele geladen auf die Ballen־‘ tanzen werden in die ״Sälen“ und in rauschenden Kleidern sieh hin und her drehend allen Herren gefallen wurden. Man atmet freier auf, wenn man von diesen Maclnverken zu den Kinderliedern gelangt, wo die י ה ר£ Kinder selbst zu Worte kommen, denen selbst die Prügel des Chedertyrannen nicht alle natürliche Jugendlust und Lebensfreude zu rauben imstande waren. Hier, w0׳ im Kindlichen das allgemein Menschliche zum Durchbruch kommt, ist nun die rmneiniung am stärksten thätig gewusen. Die einfachen Verhältnisse des Kindeslebens sind bei allen Völkern die gleichen, und wue die Kinderspiele im Wesentlichen überall dieselben sind (vgl. darüber Mitt. III (1899) S. 51 ff.), so steht auch der Entlehnung der Kinderlieder keine Verschiedenheit der Anschauungsweise und der Lebens- Verhältnisse entgegen. ״Kind ist Kind und Spiel ist Spiel“. ln der vorliegenden Sammlung findet sieh kein Lied, das die schlechte Behandlung der Schwiegermutter durch die Schwiegertocliter zum Gegenstände hätte, wde in den deutschen Sammlungen לס O z. B. EB (= Erks Deutscher Liederhort bearb. von Böhme) Nr. 890, \ U (= Uhland, Alte hoch- und niederd.. Volkslieder, Cottasehe Bibi. d. Weltliteratur) Nr. 276, M ( Mittler, Deutsche Volkslieder) Nr. 655 Um so öfter begegnen wür den im deutschen Volkslied unvertretenen Klagen der Schnur über die böse Schwüeger, Nr. 264 bis 270, eine natürliche Folge der jüdischen Sitte, dass das neuvermählte Paar die ersten Ehejahre im Haushalte der Eltern des Mannes oder der Frau lebt. im Tone des Ganzen und in manchen Einzelheiten erinnern diese Lieder an die Klagen über die böse Stiefmutter EB Nr. 190, U Nr. 120 und an die Lieder von der Muhme oder (Trossmutter Schlangenköchin EB Nr. 190, b und c. KW Des Knaben Wunderhorn, Reclamsche Ausg.) S. 16, ohne dass sieh jedoch direkte Entlehnung nachvmisen Hesse. Natürlich fehlt es auch im Jüdischen nicht an Klagen über die Stiefmutter, so Nr. 298, 300 bis 302. Bevor wur zur Besprechung der einzelnen Lieder übergehen, noch ein Wort darüber, was man unter ״Entlehnung“ zu verstehen hat. Schon die Natur des Volksliedes bringt es mit sieh, dass

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