Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 1 (1903) Heft XI
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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fang hierzu möge der nachstehende Versuch bilden, die Lieder nichtjüdisehen Ursprungs auszuscheiden, um dadurch mittelbar das Gebiet derjenigen, die man als original jüdisch anzusprechen hat, enger zu begrenzen. ס o Die Lieder, die sich als entlehnt erweisen, sind ausnahmslos deutschen Ursprungs. Dass keine slawischen entlehnt wurden, erklärt sich aus den sprachlichen Schwierigkeiten. Bei den Liedern, wo Text und Weise unzertrennlich sind, konnte nicht wie bei den Märchen, wo die Form nicht in Betracht kommt, einfach der Inhalt herübergenommen werden, es hätte einer Nachdichtung in einem der Melodie angepassten Rhythmus bedurft. Inhaltlich scheinen jedoch die Liebeslieder nicht unbedeutend von dem auf diesem Gebiete so reich entwickelten slavischen Volksgesang beeinflusst, was ganz gut zu der Thatsache stimmt, dass die jüdische Liebeslyrik erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts datiert, wo der Zusammenhang mit Deutschland schon abgeschnitten war. In früherer Zeit, als es noch Brauch war. Kinder in unreifem Alter zu werheiraten, hatten Liebesgefühle und Liebeslyrik gar nicht entstehen können. So lange also die Juden in Deutschland lebten, hatte das Liebeslied, das auf ihnen ganz fremden Verhältnissen beruhte, bei ihnen keinen Boden und kein Verständnis finden können, es wurde weder entlehnt noch nachgeahmt. Besonders wichtig für die Frage nach der Entlehnung aus dem Slavischen wäre eine Vergleichung der Singweisen, die aber nicht vorgenommen werden kann, weil die Herausgeber die Me 10dien einer späteren Veröffentlichung Vorbehalten haben. Kaum lösbar scheint endlich die Frage nach dem Alter der Entlehnung, wofür die Lieder gar keine Anhaltspunkte geben. Von vornherein wäre man geneigt anzunehmen, dass die Lieder noch aus der Zeit vor der Auswanderung aus Deutschland stammen. Wie sich aber bei der Betrachtung des Liedes No, 288 und einiger Kinderlieder ergeben wird , sind diese unzweifelhaft erst im 19. Jahrhundert entlehnt worden, es wird daher diese Möglichkeit auch für andere Lieder nicht unbedingt in Abrede gestellt werden können. Auf welche Weise aber die Wanderung der Lieder von Deutschland nach Russland stattgefunden habe, darüber Hessen sich nur vage V ermutungen äussern. Versucht man die entlehnten und nicht entlehnten Lieder nach Gattungen zu sondern, so fallen unter die letzteren bezeiehnenderweise die Wiegenlieder. Im deutschen Wiegenlied wie in dem anderer Völker entäussert sich die Singende nach Möglichkeit jeder Reflexion, um sich selbstvergessen ganz in das Gemüt und das Verständnis des Kindes zu versenken. Das deutsche Kind wird mit den einfachen Weisen vom süssen Mehlbrei, vom schwarzen und weissen Schäfchen, von den Gänschen, die barfuss gehen.