Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 1 (1903) Heft XI
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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67 die Verzweiflung der gewaltsam ausgehobenen Rekruten Luft macht, und die Lieder über die Judenverfolgungen in den achtziger Jahren zahlreiche Lücken auf—leider unterscheiden die Herausgeber solche Auslassungen nicht von den Lücken ihnen fragmentarisch mitgeteilter Lieder —, sondern es fehlen gerade die urwüchsigsten und naiven, von angelernter Bildung und fremder Kultur am wenigsten beeinflussten Aeusserungen des Volksgeistes. Diese amtliche Prüderie hat schon manche in Russland erschienene Publikationen ähnlichen Inhalts schwer geschädigt, indem Herausgeber und Autoren schon selbst eine Präventivzensur ausüben und ängstlich alles vermeiden, was bei der Zensur Anstoss erregen könnte. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man die Unterdrückung eines Teiles der Lieder, die aus der lakonischen Angabe S. VII hervorgeht, die Sammlung bringe nur einen Teil des als echte Volksdichtung Erkannten, durch eine solche Selbstzensur erklärt. Das Ergebnis ist, dass die Sammlung eine der Wirklichkeit nicht entsprechende Färbung erhalten hat. einerseits tritt das melancholische Element noch stärker hervor als in anderen Liedersammlungen, obwohl der Volksgesang überall zur Schwermut neigt, andererseits wird der Sammlung ein allzu gesetzter, und so zu sagen salonmässiger Charakter aufgeprägt. Soll man aber ein wahres und richtiges Bild des Volkes in seinen Liedern erhalten, dann müssen alle Arten des Volksgesanges gleichmässig vertreten sein. Wir möchten deshalb den Herausgebern die Veröffentlichung eines Nachtragsbandes dringend ans Herz legen Dieser hätte zu enthalten: die eben erwähnten unterdrückten Lieder und Verse, sowie die Singweisen, welche die Herausgeber zwar gesammelt, aber aus technischen Gründen ihrem Werke nicht beigegeben haben, dann die Lieder aus Polen und den noch unvertretenen Gebieten Russlands, deren Sammlung sie sich schon der Vollständigkeit wegen angelegen sein lassen müssten. Den Eingang des ganzen Bandes würde sehr passend, da er selbstverständlich ausserhalb Russlands erscheinen müsste, eine deutsche Leb er Setzung oder noch besser eine erweiterte Bearbeitung ihrer Einleitung bilden, die — man weiss nicht recht weshalb — in russischer Sprache abgefasst ist. Den Lesern, für welche sie die Texte mit lateinischen Lettern zu transskribieren notwendig gefunden haben, wäre wohl auch eine deutsche Einleitung verständlich gewesen, während die russische Abfassung der Verbreitung des Buches ausserhalb Russlands zweifellos sehr abträglich sein muss. Ausser der Einleitung und einigen erklärenden historischen Anmerkungen enthält die Sammlung keine weiteren Zugaben, es ist daher der philologischen Thätigkeit zur Kritik, Erklärung und Verwertung der Lieder ein weites Arbeitsfeld eröffnet. Den An- 5'