Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1903
- Issue
- 1 (1903) Heft XI
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2642950-2642966-2642967--1027-2643960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 litauischen Juden übertragen. Während eine genaue Wiedergabe der Lieder in der ihnen eigentümlichen Sprache ein unschätzbares Quellenwerk für die Kenntnis der Untermundarten des russischen Judendeutsch geschahen hätte, sind durch diesen alle sprachliche Besonderheiten mit einer gleichmässigen Tünche verdeckenden Ueberzug, der dazu nicht einmal ganz konsequent durchgeführt ist, die Texte für die Sprachforschung geradezu wertlos geworden. Eine Rechtfertigung dieses Verfahrens sucht man in der Einleitung vergebens. Sämtliche Lieder sind nach mündlicher Ueberlieferung aufgezeichnet. Mit richtigem Takte haben die Herausgeber die modernen im Druck erschienenen Kunstprodukte ausgeschlossen, obgleich diese von ihren Verfassern mit Vorliebe ״Volkslieder“ betitelt werden, jenen Leuten, die in seltsamem Widerspruch das Judendeutsch ״Jargon“ nennen, und diesem Jargon die Leistungen einer europäischen Kultursprache zumuten. Ihre Schöpfungen sind thatsächlich Zwitterdinge, die sprachlich und gedanklich weder deutsch noch jüdisch sind. Von dem Umfange dieser Produktion giebt die als Anhang beigegebene, von S. Wiener zusammengestellte Bibliographie einen Begriff, die, ohne vollständig zu sein, 144 Nummern solcher in der Bibliothek der Petersburger Akademie vorhandenen Liedersammlungen verzeichnet, die in der Zeit zwischen 1863 und 1900 erschienen sind. Mit Interesse folgt man der anziehenden Einleitung, die zur Einführung in das Verständnis die Lebensverhältnisse der russischen Juden schildert, auf deren Grunde die Lieder erwachsen sind. Es wäre eine verlockende und dankbare Aufgabe, diese leider nicht vollständige Schilderung nach allen Seiten zu ergänzen, die kleinen Ausschnitte, die die einzelnen Lieder bieten, durch eine zusammenhängende Darstellung zu einem Gesammtbilde des ganzen inneren und äusseren Lebens zu verbinden und dabei in vergleichenden Ausblicken auf deutsches und slavisches Volkstum die Aehnliehkeiten und Verschiedenheiten, wie sie sich in den Volksliedern ausprägen, aufzuweisen. Die Lösung dieser Aufgabe sei jedoch Berufeneren überlassen. Nach einer Seite zeigt die Sammlung eine auffallende Unvollständigkeit. Das derbkomische Element fehlt fast gänzlich. Nicht weil es etwa den Juden an Sinn oder Begabung dafür fehlte: man braucht nur an die Stegreifdichtungen der ״ Badchonim “, der berufsmässigen Lustigmacher auf den Hochzeiten, und an die Spässe des Possenreissers im Purimspiel zu denken. Der Grund liegt vielmehr augenscheinlich in der russischen Zensur, die nicht nur Thron und Altar in Schutz nimmt, sondern, was vielleicht weniger bekannt ist, auch die Moral der Unterthanen sorglich behütet. Infolgedessen weisen nicht bloss die Soldatenlieder, in denen sich