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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1902-01-01 · 2 (1902) Heft X · p. Seite 103

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1902
Issue
2 (1902) Heft X
Date
1902-01-01
Page
Seite 103 (sequence 24)
Language
German
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103 Das Verbrühen der Räuber mit heissem Wasser erinnert an das polnische Märchen im Zbior wiadom. do antropologii krajowej der Krakauer Akademie 16, Nr. 37, wo zwölf in Fässern versteckte Räuber durch siedendes Oel getödtet werden, und an die gleiche Tödtung der vierzig Räuber in der Erzählung von Ali Baba in Tausend und einer Nacht. Ganz unmotiviert tritt hier der Tod der Frau des Jüngsten ein, währ end in den anderen Fassungen seine Frau, Mutter, Schwieger- oder Grossmutter anstatt seiner das Opfer einer Verwechslung wird, als die Brüder ihn erschlagen wollen, um sich für den Verlust ihres Viehes zu rächen. Die Leiche wird auf verschiedene Weise als Erpressungsmittel verwertet: in den polnischen Märchen Materyaly IV, No. 7 und Wisla X, S. 783 ff. macht der Dümmling den Wirt, der ihr zu trinken bringt, glauben, er habe sie vom Wagen geworfen, in einem hessischen Märchen KHM1II, zu Nr. 61 wird ein Arzt der Tötung beschuldigt. Bei Haltrich No. 63 giebt sie der dumme Hans für eine verzauberte Prinzessin aus und ein Neugieriger, durch dessen Verschulden angeblich die Entzauberung vereitelt wird, muss dafür reichliche Entschädigung bezahlen. In unserem Märchen ist ein anderes, spezifisch jüdisches Motiv wirksam: die übertriebenen Ansprüche der Beerdigungsbruderschaft werden zum Anlass genommen, um einen Totschlag zu fingieren und dafür Entschädigung und noch obendrein ein billiges Begräbnis zu erlangen. Die Begehrlichkeit der ״frommen Bruderschaft״ ist auch sonst Gegenstand der Satire, so behandelt ein Volksbüchlein ״die Maase vin a hlig Dorfsjingd“ (0. 0. u. J., jedenfalls schon vor mehr als vierzig Jahren gedruckt), dasselbe Thema und eine andere List zur Erlangung einer wohlfeilen Beerdigung. Die Schlussepisode, dass der Held, in einen Sack gesteckt, um ins Wasser geworfen zu werden, einen vorübergehenden Hirten beredet, mit ihm zu tauschen, um eine ihm zugedachte Würde zu erlangen, dass er dann vorgiebt, die Herde im Wasser gefunden zu haben, wodurch seine Brüder bewogen werden, ins Wasser zu springen, findet sich ausser in den bereits erwähnten Märchen KHM No. 61 und IH, zu No. 61, Haltrich No. 63, Z.f. österr. Volksk. 4, No. 28 und Wisla, X noch bei Kehrein, Volkssprache und Volkssitte in Nassau II, S. 98. Sehr häufig treten noch Züge aus anderen nicht verwandten Märchen hinzu, so das Messen des Geldes mit einem entlehnten Scheffel, wobei ein haften gebliebenes Geldstück den Reichtum verrät, oder das ״Turandotmotiv“ von der Prinzessin, die ihren Freiern Rätsel aufgiebt u. a.ף Aus den Parallelen zu diesem und den folgenden Märchen, die sich leicht ins Ungemessene hätten vermehren lassen, wenn eine grössere Zahl von Märchensammlungen zugänglich gewesen wäre, wird man ersehen, wie sich fast jeder Zug eines Märchens in anderen, manchmal im übrigen ganz abweichenden Märchen finden lässt; wechselnd ist nur die Zusammensetzung der Märchen aus diesen Zügen, von denen sich jeder einzelne bald zu dem. einen, bald zu dem andern gesellt, wie die bunten Glasstückchen im Kaleidoskop. Es wäre deshalb ein vergebliches Bemühen ״ä mettre les rigueurs de la philologie au Service des caprices de rimagination“, (Bedier, Les Fabliaux. Biblioth. de l’ecole des Hautes etudes. fase. 98. Paris 1893.) und für das Wachstum des so beweglichen Erzählungsstoffes Genealogien und Stammbäume aufstellen zu wollen. Nur wenn zwei Märchen in allen wesentlichen Zügen übereinstimmen, könnte man ohne Bedenken unmittelbare Entlehnung annehmen. Die Frage, ob sich nicht für die vorliegenden Märchen derartige Ueberein- Stimmungen mit den hier in erster Reihe in Betracht kommenden ostslavischen nachweisen Hessen, muss aber vorläufig offen bleiben, da die polnischen, russischen und kleinrussischen Märchensammlungen nicht erreichbar waren. ב) Ausführliche Nachweise über die Verbreitung jedes einzelnen Motivs gibt Bolte in der Biblioth. d. lit. Vereins i. Stuttg. Bd 197, S! 387 ff. u. 209, S. 277 f.

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