Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1902
- Issue
- 2 (1902) Heft X
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2642950-2642963-2642965--0893-2643826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
85 jüdische Brauch, die Bibel aufzuschlagen und das erste Wort, auf welches das Auge fällt, entscheiden zu lassen, ob man dies oder jenes beginnen solle. Ist jemand schwer erkrankt, so wird ihm im Gotteshause vor geöffneter Toralade nach dem Rezitieren gewisser Psalmen ein anderer Name beigelegt, der beim Aufschlagen der Bibel, meist des Pentateuchs, dem suchenden Auge zuerst sich bietet. Zumeist werden von dem Vorbeter und der Gemeinde versweise abwechselnd bestimmte Psalmen vorgetragen, dann aus 119 die Verse mit den Anfangsbuchstaben des Namens, welchen der Kranke bisher getragen hat (z. B. für Jakob die Verse von j, c, q, b1), ferner die Verse, welche mit q, r, l, s, t, n) qeraf satan ״Zerreisse den Ankläger!4‘) beginnen. Hierauf spricht der Vorbeter vor geöffneter Toralade ein Gebet um Genesung für den Kranken mit Anführung seines bisherigen und sogleich ein weiteres mit Einfügung des neuen Namens, wobei die helfende Kraft der ״in diesem Buche der Tora“ geschriebenen Gottesnamen angerufen wird (so Baer S., gemiluth chasadim, Rödelh. 1880, S. 8 ff., abweichend: M. V. 18, im allg. s. Lewysohn A., meqore minhagim, Berlin 1846, S. 110 f., bei den Port, als ״Rogativa“ in Übung.) Die im Inhaltsverzeichnis des sefer chasidim, Lemberg 1870, unter § 1140 angeführte Bibel, welche man bei der Namengebung den Knaben zu Häupten legt, schrumpft im Texte selbst zum Leviticus zusammen. Der Pentateuch im Besonderen kommt zunächst als Torarolle zur Anwendung. Im christlichen Altertum wurde das Evan* gelium Fieberkranken auf den Kopf gelegt, gegen Dämonen, Krankheiten, Brände gebraucht., in Schwur- und Fluchformeln angerufen und dem Toten ins Grab mitgegeben. So brachten die Juden eine Torarolle in die Wochenstube, um der Kreissenden die Geburt zu erleichtern (Pithche tesuba zu Jore de'a 179). Man legte sie, ebenso wie die tefillin, auf ein krankes oder weinendes Kind (Maimüni Hilk. ‘Akkum XI,12; Jore deca 179,9), einem neugeborenen unter den Kopf, bei der Namengebung, bes. das 3. Buch Moses, in die Wiege (vgl. Güdemann, Gesch. des Erziehungsw. 1,51.265), nach der Beschneidung zu Häupten (das. 34). Auch bei den ״offenen Büchern“, welche, neben Lehrhäusern, Gotteshäusern und Gelehrten“, im Traum gesehen, als günstiges Omen gelten (das. 82, vgl. Simmus ms ^XXIX) und lebhaft an das Symbol des geöffneten Buches in jüdischen Katakomben erinnern, ist in erster Reihe an Torarollen zu denken. Insofern sie einen Zusammenhang biblischer Bücher mit einer abergläubischen Praxis behandeln, verdienen überhaupt gewisse talmudische Traum- ג) So werden auch am Todestage Misnajoth vorgetragen, deren Anfangsbuchstaben in dem Namen des Verstorbenen enthalten sind.