Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1902
- Issue
- 2 (1902) Heft X
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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84 wenn sie aus der Schule kamen, nach dem Schriftvers zu fragen, den sie gerade gelernt hatten (Chullin 95b, Gittin 57b, Midr. Cant, passim., vgl. Beth Josef zu Jore dea § 179). Als Vorbedeutung galt auch ein Vers, der einem des Morgens nach dem Aufstehen einfiel. Weit vielseitiger gestaltet sich die nachtalmudis che Bibliomantie. Wie das Evangelium den Christen (Kraus I 457), so scheint hier das A. T. als schirmendes Vadamecum gedient zu haben. Der von Ginsburg auf dem XII. internationalen Orientalistenkongress in Rom beschriebenen abgekürzten Bibelhand־ schrift, welche nur die von der Masora betonten Buchstaben enthält, lässt sich eine solche Bedeutung beimessen. Vor allem war die Bibel als Buchorakel im Schwange (vgl. Berliner, aus dem Leben der deutschen Juden 2 2492). Ein Buch- Orakel empfiehlt das Buch der Frommen (Berlin 795) dem Lehrer, wenn er die Gedanken seiner Schüler lesen will. Er lege ihnen Bücher verschiedenen Inhaltes vor. Je nach dem Gegenstände, der ihn am meisten beschäftigt, wird der eine dieses, der andere jenes Buch wählen. Wie hier neben der Bibel auch andere Bücher als Orakel herhalten müssen, so auch bei dem in christliehen Kreisen noch heute als ,.Däumeln“ bekannten mantischen Verfahren. Beim Aufschlagen eines heiligen Buches entscheidet die Stelle, auf welche der Daumen, der übrigens auch im jüdischen Aberglauben eine besondere Rolle spielt (s. M. V 35, Sefer chasidim 236 [Daumeneinkneifen gegen Geister und Nachzehrer], Hebr. Bibi. VI 120: Daumengeister, Löw im Kaufmann-Gedenkbuch XV fg.), zu liegen kommt. Diesem besonders bei den Pietisten heimischen Volksglauben verdanken die ״Erbbibel“ und der ״Erb־ schlüssel“ ihr Dasein. Aus den drei Liedern, die man in der Neujahrsnacht, wenn um Mitternacht das neue Jahr eingeläutet wird, im Dunkeln im Gesangbuch aufschlägt und bezeichnet, kann man abnehmen, wie es einem in dem neuen Jahre ergehen wird (Wolf J. W., Beiträge zur deutschen Mythologie, Göttingen und Leipzig 1852, S. 230). Sagt doch Göthe selbst (Westöstl. Divan § 124): ״Der Unentschlossene findet nur Heil im Entschluss, dem Ausspruche des Buches sich zu unterwerfen. Solcher Art ist die überall herkömmliche Orakelfrage an ein irgend bedeutendes Buch, zwischen dessen Blätter man eine Nadel versenkt und die dadurch bezeichnete Stelle beim Aufschlagen gläubig beachtet. Wir waren früher mit Personen genau verbunden, welche sich auf diese Weise bei der Bibel, dem Schatzkästlein und ähnlichen Erbauungswerken zutraulich Rat erholten, und mehrmals in den grössten Nöthen Trost, ja Stärkung fürs ganze Leben fanden.“ Aehnlich diesem Orakel, welches den Christen als ״sortes sanctorum“ schon vor dem 8. Jahrhundert vertraut ist, war der