Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1902
- Issue
- 1 (1902) Heft IX
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Krakau berichtet: ״Nicht selten war es auch, dass einer aus dem Stegreif ein Handwerker wurde. So gab es einige Schneider, die für Männer und Frauen von Hochzeitskleidern bis zu Totenhem den alles verfertigten; einige Schuster, die für Männer nur Schuhe arbeiteten, weil das Tragen von Stiefeln für höchst unanständig, bäurisch galt; einige Goldarbeiter, die recht schöne heilige Gerätschaften verfertigten, und die man alle mit der Frage in Verlegenheit bringen konnte: wo sie ihre Kunst gelernt?“ (Für das Jahr 1854 wird übrigens die Anzahl der Krakauer jüdischen Göldarbeiter dort mit 24 angegeben). Es konnte so nicht ausbleiben, dass sieh mit der Zeit in den jüdischen Kunstarbeiten eine gewisse Eigenart ausprägte, die dem Anschein nach in der Mitte des 17. Jahrhunderts bestimmtere Formen annahm, die sich — ganz analog dem Sprachjargon — in den weniger kultivierten Ländern bis in die neuste Zeit fast unverändert erhalten hat, während überall da, wo die Juden seit langem in die europäische Kultur eingetreten sind, hiervon all und jede Spur verloren gegangen ist. Wie nun der jüdische Jargon ein Gemenge verschiedener Sprachen und Formen darstellt, so ist auch und jüdische Formensprache ein Gemisch verschiedener Stilarten, in dem sich dem — nicht selten phantasiereich erfundenen — barockisierten Renaissanceornamentenwerk vielfach archaisierende Motive beimischen, die besonders in den mit Vorliebe gewälten Tierfiguren häufig an das Romanische erinnern1). Diese Tiergestalten, noch mehr aber die typisch dargestellten menschlichen Figuren (meist Moses, Ahron, David und Mardechai) verraten in ihrer kindlich naiven Darstellungsweise meist die Hilflosigkeit einer ungeschulten Hand, geben aber bei den menschlichen Figuren den jüdischen Typus vielfach gut erkennbar wieder. Neben den von christlichen und neben den von jüdischen Künstlern gefertigten Geräten finden sich aber auch sehr häufig solche Stücke vor, bei denen das Gerät selbst zwar von christlicher Hand gefertigt, die Gravierung aber von Juden ausgeführt wurde. Dies erklärt sich leicht aus dem Umstand, dass es zwar nicht überall jüdische Goldschmiede gab, aber, wie Bondi2) sagt: ״fast jede grössere jüdische Gemeinde zählte einen oder einige jüdische Petschierstecher unter ihren Gliedern“. Gehörte ja die Graveurkunst zu den wenigen Gewerben, die auszuüben den Juden vielfach, wie wir noch sehen werden, gestattet waren. Die Juden beschränkten sich dabei nicht auf das Gravieren der Metalle allein, sondern zeichneten sich schon sehr früh auch als Steinschneider aus. Sagt doch Meusel3) in einem Bericht über die Entstehung der Steinschneider- J) Vgl. J. v. Schlosser a. a. 0. S. 249 f. ף Sulamith V, 1. S. 227. 8) Meusel, Miscellaneen artist. Inhalts. XXII. S. 109.