Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1902
- Issue
- 1 (1902) Heft IX
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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21 dürfte dies wohl auch in Bezug auf ihre etwaigen Kunstäusserungen ebenso der Fall gewesen sein, wie sich ja auch solche mittelalterliche Miniaturmalereien, die nachweislich von jüdischen Künstlern gefertigt sind, durchaus nicht von ähnlichen Arbeiten ihrer christlichen Zeitgenossen unterscheiden lassen1). Je mehr sich aber als Folge der Kreuzzüge und des hervorbrechenden schwarzen Todes die soziale Stellung der deutschen Juden verschlechtere, je mehr sie von ihren christlichen Nachbaren isoliert wurden, umsomehr verwahrloste auch nach und nach ihre Sprache. Einzig und allein auf den Verkehr unter sich angewiesen, mengten sie derselben mehr und mehr hebräische Worte ein und nahmen auch in Polen und Lithauen, wohin sie in der Zeit ihrer höchsten Bedrängnis flüchteten, einzelne slavische Ausdrücke in ihre Sprache auf, bis schliesslich ihr Deutsch in den bekannten Jargon ausartete. Wohin aber auch die wechselnden Schicksale die unglücklichen deutschen Juden führten, in allen fremden Ländern hielten sie bis in die neuste Zeit an ihrer deutschen Sprache fest und bewahrten, bei aller Verderbnis derselben, dabei doch treu so manche altertümliche Form und Redeweise und so manches mittelhochdeutsche Wort, das dem hochdeutschen Sprachschatz verloren gegangen. Auf ganz gleiche Weise entstand auch der Kunstjargon. Nicht nur dass den Juden die Erlernung einer Kunst oder eines Kunsthandwerks bei einem christlichen Meister unmöglich gemacht war, wurde ihnen auch die Ausübung aller Handwerke fasst überall untersagt, und durften sie es bis in das 18. Jahrhundert hinein nicht einmal wagen irgend eine Kunst- Stätte zu betreten. Berichtet doch Dohm2) noch aus den 70. Jahren des eben genannten Jahrhunderts, dass einem jüdischen Maler, der in einer berühmten deutschen Stadt die Gallerien besuchen wollte, der Besuch derselben untersagt wurde. So waren die Juden auch in der Erlernung — und grösstenteils auch in der Ausübung der Kunst einzig und allein auf ihre eigenen Kreise angewiesen, und es musste daher in der Folge bald eine gewisse Rückständigkeit in ihren Kunstleistungen eintreten. War doch von einem geordneten Zeichenunterricht nie, von regelmässiger, gründlicher Erlernung eines Kunsthandwerks unter solchen Umständen kaum die Rede, und war doch auch so der Kreis der sich ihnen bietenden Vorbilder ein äusserst beschränkter. Sehr charakteristisch dafür, wie die jüdischen Goldschmiede ihre Kunst erlernten, ist, was Gumplowicz (jüd. Zustände in Krakau. Einst und jetzt3), aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts aus נ) Vgl. Kaufmann, Anhang z. Haggadah v. Serajevo. S. 295ff. 2) Pohm, Heber d. bürgerl. Verbesserung d. Juden. II. S. 293. ר־ S. Wertheimer, Jahrbuch 5619. S. 180 u. 184.