Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1902
- Issue
- 1 (1902) Heft IX
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
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15 Verhältnisse dürften wahrscheinlich auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so manchen jüdischen Handwerker veranlasst haben, seine polnische Heimat zu verlassen, und mögen wohl die 12 jüdischen Goldschmiede, die mit 12 Gehilfen und 4 Lehrlingen 1836 in Kopenhagen arbeiteten, ebenso wie der eine jüdische Juwelier, und Goldarbeiter der sich 1840 in Schweden vorfand und dort ausnahmsweise durch die Gnade des Königs wirklicher Meister wurde, aus Polen eingewandert sein.1) Dasselbe dürfte auch bei den 2 jüdischen Goldschmieden, die sich 1847 in Mitan2) und bei den 12 selbständigen jüdischen Goldschmieden, die sich 1842 in Odessa vorfanden,3) der Fall gewesen sein. In Russisch- Polen finden sich übrigens jüdische Goldschmiede noch bis in die neuste Zeit in grösserer Anzahl vor, und ist es — um hier ausnahmsweise auch von der jüngsten Vergangenheit zu sprechen — äusserst charakteristisch, was Rülf4) von den jüdischen Goldschmieden, die er in Wilna antraf — vielleicht etwas zu enthusiastisch — sagt: ״Der russische Jude legt grosses Gewicht auf den Besitz von Gold- und Silbergefässan und Zierraten. Diese Industrie steht darum hier in voller Blüte. Solcher Schönheit und Tüchtigkeit in der Ausführung bei solcher Gediegenheit des Materials wird man anderwärts und wäre es selbst in unseren, mit allem Luxus überschwemmten Weltstädten selten begegnen. Ich habe die feste Ueberzeugung, wenn der Kenner hier suchen wollte, so dürfte er manchem jüdischen Benvenuto Cellini begegnen. Besonders werden in den Gotteshäusern, in den jüdischen und den christlichen, von jüdischen Meistern stammende Gefässe und Zierrate in Gold und Süber, wohl auch künstliche Schnitzereien u. dergl. getroffen, die wahrhaft bewundernswert sind; nicht allein in Wilna, sondern ebenso in den kleinern und elendeu Ortschaften. Die Kunstfertigkeit dieser Handwerker ist ganz eigentümlich geartet. Zunächst hat er seine eigenen Traditionen, wonach er arbeitet; weiteren Antrieb giebt ihm das Modell, welches er von anderwärts her empfängt. Sein Gestaltungstrieb lässt ihm keine Ruhe, bis er dasselbe in aller seiner Vollendung nachgeahmt hat. Hierzu kommt als dritter und erheblicher Faktor, die eigene Individualität. Vom Meister lernt er wenig, unendlich mehr durch dag Modell, am meisten durch sich selbst, seine Phantasie und sein Nachdenken. Das höchste Vorbild, welches er besitzt, ist jener Künstler der Wüste Bezalel choresch-wechosehev (ein Meister und Denker), der ohne Modell, ohne vorbildliche Arbeit Alles aus sich selbst geschöpft. Alle diese Kunstfertigkeit hat darum ein *) Allg. Zeit. d. Jdt. 1840. S. 669. *) Ebendas. 1847. S. 264. י) Orient. 1844. S. 224. *) Rülf, drei Tage in Jüdisch-Russland. Frankfurt, 1882. S. 55 f.