Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Auffassung des Juden in den späteren Volksspielen. Wenn der ״Hortus deliciarum“ (bei Weber 105) in seiner vierstöckigen Hölle einen eigenen grossen Kessel für die ״Judei“ aufstellt, in welchem eine Anzahl Juden mit ihren Spitahüten geschmort werden, oder wenn in dem Fastnachtsspiel (bei Keller, Fastnachtsspiele II) ״Von dem Herzogen von Burgund4‘ Juden an die Euter einer Sau gelegt werden, ein Motiv, welches in den Judenspottbildern des XV. Jahrhunderts wiederkehrt und am Brückenthurm zu Frankfurt (das Bild bei Schudt, Jüd. Merkw. II 256) noch den jungen Goethe anwidert, bis es endlich 1801 mit dem Abbruch des Thurmes verschwindet (Goethe, D. u. W. Hempel IV 139 bei Holzmann, Börne 6), — so darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn in den Herodesspielen der mauschelnde polnische Jude in Originalverpackung auftritt (s. 425 u. die Darstellung bei Vogt 284). Ein Teil dieser Spiele lässt nämlich (das. 287) nach dem Berichte über das Eintreffen der drei Könige in Jerusalem den Herodes mit den Juden zu einer Beratung über den Vorfall zusammentreten, ehe er die drei Weisen vor sich bescheidet, in den anderen Spielen folgt diese Judenscene später. ״Die komische Ausführung dieses Auftrittes ist für viele Volksspiele ein beliebtes Thema. Dass der Breslauer Herodes ihn in diesem Sinne behandelt, kann bei aller Kürze nicht zweifelhaft sein״, deutlicher aber tritt das Possenhafte in den Reinerzkroner, Friedersdorfer, Obergrunder Texten hervor, und vollends das sonst ganz knappe und fragmentarische Zuckmantler Christkindelspiel... und die St. Oswalder und Neudörfler Aufzeichnungen des Böhmerwaldspiels ergehen sich hier mit sichtlichem Behagen in komischen Einlagen. Andere Aufzeichnungen, wie die Braunauer des Heuscheu־ rer Herodes, die Kremnitzer, Oberuferer, Heiligenbluter Spiele und die des 16. Jahrhunderts oder des MA. zeigen im Texte nichts von dieser Karrikatur der jüdischen Schriftgelehrten. Dass aber auch ohne dies den Darstellern dieser Rollen in Sprache und Geberden das Mauscheln vorgeschrieben sein konnte, geht aus den Spielanweisungen des alten Benediktbeurer und des Oberuferer Textes hervor. So darf man die bei den mittelalterlichen Passions־ spielen sehr beliebte Verspottung der Juden auch bei den Herodesspielen wohl auf alte Traditionen zurückführen, umsomehr als sie sich ausserhalb Deutschlands schon früher auch im Texte solcher Spiele nach weisen lässt“ (S. 289, vgl 424 u. 163). Zwei Schacherjuden treten ferner in manchen Stücken in der Schlusscene auf, wo sie mit dem Bedienten des Herodes um die Kroninsignien feilschen (297. 450). Allein das Mauscheln dieser Judendarsteller erinnert wenig an lebendiges Vorbild*, das ״He He“ (444. 450. 468) nimmt sich ebenso absonderlich aus, wie das ״Als“ der Judenältesten in Wildenbruohs ״König Heinrich“.