Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Quellen und den abgeleiteten, der populären jd. Litteratur, verdankt, wird sich nicht entscheiden lassen. Sie zitiert zwar sehr häufig Sentenzen aus Talmud und Midrasch, aber nur einmal, S. 266, gibt sie einen bestimmten Talmudtraktat als Quelle an. Das Hebräische beherrscht sie mit grosser Leichtigkeit. So vertraut ist ihr die Sprache, dass sie ihr in Momenten der höchsten Erregung, wo ihr die Mundart zum Ausdruck des stärksten Pathos versagt, unwillkürlich in zusammenhängenden Perioden aus der Feder fliesst. Vieles davon mag allerdings blosse ßeminiscenz aus der erbaulichen Litteratur sein. Die Erzählung von dem arabischen Prinzen Abdon und seiner Schwester Danila S. 279 ff. hat sie, weil der עולם gern was neues hat, aus dem לשון הקודש auf teutsch ausgeschrieben. Merkwürdig ist es bei ihrer Bibelfestigkeit, dass sie keine Ahnung davon hat, dass diese ״neue״ Geschichte nichts anderes ist als die von Amnon und Thamar, 2. Sam. 13 f., nur mit geänderten Namen der Personen. In auffälligem und unerklärlichem Widerspruch mit diesen Kenntnissen steht aber ihre Angabe S. 264, dass ihr das ספר יש נוחלין von Abraham Hurwitz, das einzige hebräische Buch, das sie als Quelle nennt, auf teutsch vorgesagt worden sei, als ob sie das Hebräische nicht verstanden hätte. Die nicht seltenen Verstösse gegen die hebr. Orthographie wird man wohl nicht ihr zur Last legen, sondern auf Versehen des Abschreibers zurückführen dürfen, denn es ist wohl kaum anzunehmen, dass der Rabbiner von Baiersdorf die kindliche Pietät so weit getrieben haben sollte, auch die orthographischen Fehler seiner Mutter zu konservieren. Von jd. Schriften erwähnt sie nur den Brandspiegel und das לב טוב im Gegensätze zu den hebr. ספרי מוסר (Moralwerken). Stoffliche Entlehnungen aus diesen beiden Schriften habe ich jedoch nicht konstatieren können. Von den formellen Einwirkungen der hbr. und jd. Quellen auf ihre Sprache wird im einzelnen noch die Rede sein. Das Buch, aus dem sie die Erzählung vom Chasid und seiner Frau (S. 39ff.) entlehnt hat, und die Sprache, in der es abgefasst war, sind nicht zu ermitteln, da der Abdruck gerade dort, wo sie den Verfasser genannt hat, S. 57, eine Lücke in den Hss. andeutet. Gehen wir nun an die Betrachtung der Sprache, so drängt sich uns vor allem die Frage auf: Liegt in den Memoiren die Sprache vor, die G. und ihre Zeitgenossen und Landsleute gesprochen haben? Die Frage scheint auf den ersten Anblick eine müssige. Warum sollte die Frau, die in schlaflosen Nächten, um die melancholischen Gedanken zu vertreiben, die Ereignisse ihres Lebens für ihre Kinder aufzeichnete, (S. 3 f. 121) nicht die Sprache gebraucht haben, die ihr im alltäglichen Verkehr natürlich und geläufig war? Und doch sind wir genötigt, diese Frage aufzuwerfen und dies durch die Ungleichmässigkeit der Sprache.