Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Dazu kommt noch der Verlust ihrer beiden Söhne Lob und Samuel, die als junge Leute rasch und plötzlich sterben. Und dann erfolgt die grosse Katastrophe, der geschäftliche Untergang Hirz Levi’s. Zehn Jahre überlebt er den Verlust seines Vermögens, dann bleibt die Gflückel im Jahre 1712 zum zweitenmale verwitwet, kränklich und fast zufluehtslos zurück. Nach mancherlei unangenehmen Nachlass-Ordnungen findet Glückei endlich im Hause ihrer Tochter Esther ein Heim für ihre letzten Jahre, sie stirbt 1724, neunundsiebzig Jahre alt, nicht mehr die Glückei von Hameln, die reizende Frau mit der Künstlerseele, über die wir lächeln und die wir dennoch bewundern und lieben, sondern eine stille Frau, ermüdet von einem Leben, das sie nicht mehr versteht. Die Aufzeichnungen selbst reichen nur bis in das Jahr 1719, sie enthalten neben häuslichen Berichten nur einiges von dem Gemeindeklatsch Metz’s und moralische Abhandlungen. Glückei erinnert sich wieder an jene Geschichten, die sie im ersten Buche so pathetisch vortrug und versucht in ihnen den Trost zu finden, den ihr das eigene Herz nicht mehr zu bieten vermag. Es ist ein trauriges Lebewohl, das wir ihr sagen, sie hat uns so viel Köstliches gegeben und es thut uns leid, dass sie gerade beim Abschied nichts mehr zu verschenken hat. Und dennoch ist der Schluss der Memoiren wundervoll. Glückei erzählt: Im Jahre 1719 stand nachts eine Frau am Ufer der Mosel und reinigte Wäsche. Da wurde es auf einmal licht wie am Tage und der Himmel öflhete sich. Funken und Flammen sprühten, und darauf hat sich der Himmel wieder geschlossen, wie ein Vorhang, den man zuzieht und es war dunkel wie vorher. Das sind die letzten Zeilen ihres letzten Buches und sie sind mehr als der blosse Bericht eines merkwürdigen Ereignisses, sie sind ein Symbol der Glückel selbst und ihres Lebens-Werkes. In der dunklen Nacht der Vergangenheit, in der alle versunken sind, die vor uns lebten, wird es auf einmal licht. Auf einmal teilen sich die Schatten, und der ganze Himmel einer wundervollen Seele thut sich vor unsern erstaunten Augen auf. Und dann schliesst sich der Vorhang, die Flammen verlöschen, es wird dunkel wie vorher. Dass uns aber dieser eine Blick gegönnt war, dass es uns möglich war, solch ein Wunder zu schauen, dafür müssen wir dem Schicksale danken und der Glückei von Hameln.