Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2642950-2642960-2642961--0626-2643557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 und das erzwungene, übereilte Verlöbnis rückgängig zu machen, vermählte er sich mit dem geliebten Mädchen und nach einem Jahre wurde ihm ein Söhnchen geboren. So schien alles gut und erfreulich, da starb einer der Zeugen eines plötzlichen, jähen Todes, bald darauf auch die junge Frau Berend Cohens und der zweite Zeuge. Alle Leute waren entsetzt und unheimliche Gerüchte flüsterte mau sich zu. Glückei fällt, wie erwähnt, kein Urteil, sie teilt bloss die Thatsachen mit, die auch sie erstaunlich und seltsam findet. Glückeis Tochter, Freudehen, die beinahe die Gattin Berend Cohens geworden wTar, vermählte sich später mit Mardochai, dem Sohne Mose b. Löb in Altona und zog mit ihrem Gatten nach London. Mose, der letzte unversorgte Sohn Glückeis, heiratete die Tochter des bekannten Samson aus Baiersdorf und wirkte später in dieser Gemeinde als Rabbiner. So wird es stiller in Glückeis Heim; nur noch eine Tochter, Mirjam, ist im Hause bei der allmählich müder werdenden Mutter und mit dem fünften Buche schliesst die Geschichte der jungen Glückei, der Glückei, die uns lieb geworden ist, trotz aller ihrer kleinen Schwächen, die uns selbst in den ödesten Stellen ihres Berichtes, durch ein gutes, kindliches Wort, durch eine köstliche humorvolle Darstellung, durch ein scheues Forschen nach den unbekannten Gesetzen der Ewigkeit, gefangen nimmt. Was nun folgt, ist die traurige und enttäuschende Erzählung, wie sich die alternde Frau noch einmal auf den Weg macht, um ein neues Glück zu finden und auf diesem vergeblichen Pilgerzuge nicht nur das Ziel nicht erreicht, sondern auch, ohne es zu bemerken, die besten Schätze ihrer Seele verliert und bettelarm zurückbleibt in der fremd und kalt gewordenen Welt. Die Glückei wurde alt. Die freudige Tapferkeit, mit der sie trotz ihres Leides dem Schicksal entgegentrat und den oft so ermüdenden Kampf mit dem Leben aufnahm, schwindet langsam, sie sehnt sich nach einem ruhigen Geschick, ihre Heiterkeit verliert sich, die Erinnerungen verblassen, sie fühlt ihre Kraft erlahmen und sucht nach einem Stabe, aber der zerbricht zwischen den zitternden Händen. Das sechste und siebente Buch erzählt die Geschichte ihrer zweiten Ehe, der Ehe mit Hirz Levi in Metz. Das seltsame Gemisch von Anklagen und Vorwürfen, von Beschuldigungen und Selbst-V erteidigungen, das das Buch einleitet, ist so peinlich und verstimmend wie nichts anderes in den ganzen Memoiren. Glückei bereut und bejammert diese unglückliche zweite Verbindung mit dem dumpfen Groll des Ohnmächtigen, sie fühlt sich geschädigt und betrogen und verliert in diesem Gefühle jede Haltung. Es VII. Heft. Jg. 1901. I.