Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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14 An einem eisigen Wintertage holte man Glückei von ihrer Mutter nach Hause und als sie ihre Wohnung betrat, stand Ghajjim bleich und zitternd am Ofen, unfähig, sich allein zu bewegen und zu entkleiden. Er war über einen spitzen Stein gefallen und hatte sich eine schwere Verletzung zugezogen, die umso gefährlicher war, da er keinen Arzt kommen lassen wollte und kaum zu bewegen war, sich in einem warmen Zimmer niederzulegen. Als aber das Leiden immer schlimmer wurde, und Glückei mit Bitten und Thräuen nicht nachliess, wurden doch Aerzte und Barbiere herbeigeholt, unter ihnen der portugisische Chirurg Lopez und der berühmte Abraham de Fonseca, aber alle Hilfe war vergeblich, nach jammervollem Leiden starb Chajjim Hameln und der letzte Wunsch, den er aussprach, war: ״Tröstet mein Glückelchen!“ Und nun erzählt Glückei, wie unendlich einsam sie zurückbleibt in dem verwaisten Hause, wie ihr Schmerz immer grösser und grösser wird und über ihr zusammenschlägt, wie die finsteren Wellen über ein verlorenes Schiff. Alle Trostesworte lassen sie ihr Leid nur immer peinigender und herber empfinden, und rüh rend klagt sie, dass nach allen schönen Reden die Tröster in ihr glückliches Heim zurückkehrten und sie allein Hessen mit ihrem grenzenlosen Jammer. Und nach einiger Zeit hört auch diese Teilnahme auf, das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen, nur Glückei vermag nicht zu begreifen, wie es denn möglich ist, an ihr entsetzliches Leid zu vergessen und ist erstaunt und voll Bitterkeit, wenn sie die gleichgiltig gewordenen Worte und Mienen selbst ihrer Verwandten bedenkt. Und doch war es für sie notwendig, dem Tag und seinen Pflichten gerecht zu werden, ihr allein oblag jetzt die Sorge um das Haus und die Kinder, und mit bewundernswertem Mute tritt sie an diese schwere Aufgabe heran. Sie ״macht die Bilanz“ und sieht, dass die Schuldenlast des Geschäftes 20000 Reichsthaler beträgt, bares Geld ist fast nicht vorhanden, das ganze Vermögen ist in Waren angelegt. Glückei veranstaltet nun einen Ausverkauf und nach einem Jahr ist es ihr gelungen, die Schulden abzuzahlen. Sie verheiratet und versorgt ihre Kinder, den Sohn Löb mit der Tochter des Hirschei Ries in Berlin, eine Verbindung, die ihr später noch viel Kummer und Kränkung gebracht hat, die Tochter Esther mit Moses Krumbach-Schwab. Ihr Lieblingskind Hendelche verheiratete sich wie Löb ebenfalls nach Berlin, stirbt aber schon 18 Wochen nach ihrer Hochzeit. So wechseln in Glückeis Leben traurige uud freudige Ereignisse, immer aber fühlt und empfindet sie den entsetzlichen Verlust, den sie erlitten, und beklagt den geliebten Gatten, den sie verloren. Mit staunenswerter Energie widmet sich Glückei dem Ge-