Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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11 rührend ist dieser Glaube, diese Begeisterungsfahigkeit nach Jahrhunderten des Elends und der Verfolgung! Die Erlösung schien mehr als möglich, beinahe war sie zur Gewissheit geworden, das ״übers Jahr in Jerusalem44 wurde nun wörtlich genommen, alle waren in fieberhafter Thätigkeit damals, man rüstete zum Aufbruch, zum Zug in die Freiheit. Eines Tages trafen bei der Glückei zwei grosse Fässer ein. Ihr Schwiegervater, dieser grundgescheite, liebenswürdige Mann sandte sie und sie enthielten ausser dem verschiedensten Leinenzeug auch allerhand Lebensmittel, wie Erbsen, Bohnen, gedörrtes Fleisch, Aepfelschnitze u. s. w., Proviant für die grosse Reise, die morgen oder übermorgen oder nächste Woche nach dem heiligen Lande angetreten werden sollte. Wer kann über diesen alten Mann und über sein grenzenloses Vertrauen lachen! Und warum hätte er auch nicht glauben sollen? Ist nicht sein Volk auch aus Egypten geführt worden, sind nicht schon oft Wunder geschehen, war nicht sein Volk, war nicht er selbst das grösste, seltsamste, unbegreiflichste Wunder? Aber die Zeit verging und als ein Jahr vorbei war, oder mehr als ein Jahr, da setzte er sich seufzend nieder und schrieb der Glückei, sie möchte die Esswaren aus den Fässern nehmen. — Es dauerte doch ein wenig lange mit der Erlösung und dem Exodus. Aber die Hoffnung war deswegen nicht getötet. Mehr als drei Jahre standen die Fässer in Hamburg, mehr als drei Jahre war er täglich bereit, für das grosse Ereignis, und erst dann verlosch seine Zuversicht, wie ein Feuer erlischt, wenn das letzte Scheit herabgebrannt Das war Sabbatai Zebi, das waren seine Anhänger, das war das Ende einer glänzenden leuchtenden, flammenden Hoffnung. Eine kummervolle Zeit kam für Glückei und ihre Familie, Erst war es nur ein dumpfes Gerücht, ein unbestimmtes Murmeln und Munkeln, aber auf einmal wurde es offenbar, dass die schreckliehe Pest in Hamburg wütete und ein allgemeiner Schrecken, eine allgemeine Flucht begannen. Meistens zogen die Juden nach dem nahen Altona, aber Chajjim und Glückei entschlossen sich wohl aus Sorge um ihre drei kleinen Kinder nach Hameln zu reisen und dort das Erlöschen der Seuche abzuwarten. Das Laubhüttenfest verlebten sie in Hannover. Glückei erzählt, welch entsetzliche Tage das für sie waren; wie durch einen unseligen Zufall ihr kleines Töchterchen von der grausigen Krankheit befallen scheint, wie man das Kind von ihr trennt und nach einem kleinen Dorfe Hainholz bringt, wie die Festtage unter Kummer und Thränen endlich vergehen und wie an Simchas Thora das genesene Kind ״die Jungfer von Hainholz“ zurückkehrt. In Hameln lebten sie weltabgeschieden und still im Hause ihrer Schwiegereltern: wenn ein Brief aus Hamburg eintrifft, so