Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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10 keiten, in das Mühen um das tägliche Brot, in das Geschrei der Kinder, in das Gezänk der Grossen, in all das Hasten und Jagen und das karge Herddämmerglück mischt sich zuweilen ein seitsamer Ton, ein Widerhall von dem gewaltigen Chore, der weit draussen in der Welt die Melodien singt, die noch den Kindeshindern in den Ohren klingen Zuweilen erhebt sich hinter den Geschehnissen des Tages das Schattenbild eines finsteren Verhängnisses, eines düsteren Ereignisses, zuweilen werden die Geschichten der Glückei zur Ge־ schichte, zuweilen glauben wir nicht nur ein Kapitel aus dem Leben einer Judenfrau zu lesen, sondern ein Kapitel aus der Tragikomödie der Menschheit. Der Name jenes geheimnisvollen Mannes, der wie ein Zaubertrank die Gemüter aller Menschen berauschte und verwirrte, der wie keiner je vor ihm eine schwärmerische Raserei, eine wahnsinnige Begeisterung erweckte, dem die zitternden Hoffnungen, der schluchzende Jubel eines gehetzten, gequälten, gemarterten Volkes galt, das seine Erlösung nahe glaubt, diesen Namen hören wir auch von der Glückei nennen, auch von ihr vernehmen wir, wie ungewöhnlich, wie märchenhaft, wie grotesk sich der Glaube an den neuen Messias an Sabbatai Zebi äusserte. Zuerst berichtet die Glückei die traurige Geschichte ihres Haus- und Geschäftsgenossen Mardochai aus Polen, sie spricht von der Geburt ihres Töchterchens Mate, von tausenden anderen nebensächlichen Ereignissen und auf einmal nennt sie den Namen des merkwürdigen Propheten. Um diese Zeit, erzählte sie, begann man von ״Schabse Zwi“ zu sprechen. Sie weiss, welch ungeheures Aufsehen die Verkündigung der neuen Heilslehre gemacht hat, sie weiss, welch fanatische Anhänger, welch unversöhnliche Gegner dem morgenländischen Propheten entstanden, der die Juden erlösen und nach Jerusalem führen wollte und in seinen Feierstunden von der weissen Königstochter Meliseide geträumt hat, sie weiss, wie viel über diese Dinge geschrieben wurden, und sie verweist auf diese weitbekannten Berichte. Sie schildert nur, was sie selbst gesehen und erfahren, sie erzählt, welcher Jubel herrschte, wenn ein Brief oder eine Botschaft von Sabbatai Zebi eintraf, wie die Sepharadim, die am häufigsten solche Nachrichten erhielten, unter Trommel und Pfeifenklang in das Gotteshaus zogen und sie dort öffentlich vorlasen; wie sich die Mitglieder der anderen Gemeinden in den sepharadischen Tempel drängten, um auch die Heilsbotschaft zu vernehmen, und wie sich die jungen Männer breite, grünseidene Bänder umbanden, um die Farben ihres Messias zu tragen. Welcher Taumel, welche Raserei muss unter den stillen, ruhigen, gedrückten, vernünftigen Juden geherrscht haben! Wie