Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1901-01-01 · 1 (1901) Heft VII · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1901
Issue
1 (1901) Heft VII
Date
1901-01-01
Page
Seite 8 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2642950-2642960-2642961--0617-2643548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 Die Glückei war noch nicht 12 Jahre alt, als sie verlobt wurde; zwei Jahre drauf war Hochzeit. Nun berichtet sie, wie sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und 20 Leuten nach Hameln zur Hochzeit ^gezogen“ ist. Damals gab es noch keine Post zwischen Hamburg und Hameln, wie in der fortgeschrittenen Zeit, in der Frau Glückei ihre Erinnerungen niederschreibt, und die Hochzeitsgesellschaft musste sich in den Dörfern Wagen mieten und in solchen Fuhrwerken bis nach Hannover reisen. In Hannover wurde Station gemacht und man schrieb nach Hameln um Wagen. Ihre Mutter, erzählt Glückei, ״hat for meint, das man zu Hameln kan so kutschin habin als wie in Hamburg“, wenigstens aber erwartete sie, dass für die Braut und ihre Eltern ein passendes Fuhrwerk gesendet würde. Welche Enttäuschung, als am dritten Tag drei oder vier ״Bauernwagen“ für die illustre Gesellschaft eintrafen. Die künftige Schwiegermama war sehr verletzt und geärgert über diesen ganz unpassenden Vorempfang, und wenn sie schliesslich auch den Bauernwagen bestieg, so war ihr ihre Verstimmung doch deutlich auzusehen. Am Abend, in Hameln, als ein gemeinsames Souper die beiden Familien und die Hochzeitsgäste vereinte, blieb die Brautmutter unnahbar und beleidigt, trotz der Galanterien von Glückeis Schwiegervater, der ihr aus einem grossen Glase Wein zutrank und in seiner liebenswürdigen, herzlichen Art sie zu begütigen versuchte. Aber erst, als er ein Erlebnis aus seiner eigenen Brautzeit zum besten gab, versöhnte sich die gestrenge Hamburgerin und die Hochzeit wurde in Frieden und Fröhlichkeit zu Ende geführt. Diesem Schwiegervater hat Glückei ihr ganzes, liebevolles Herz geschenkt. Ihre Liebe zu dem alten Manne ist so wunderbar, sie zeigt so viel innere Schönheit und Güte, dass wir mehr Ehrfurcht und Rührung vor ihr empfinden, als vor der grössten Weis־ heit aller Gelehrten. In ein paar Worten schildert sie nicht nur ihre Zuneigung, sondern auch ihr Leben, das Leben ihrer Schwiegereitern, die kleine Stadt und tausend andere Dinge so lebendig und herrlich, wie nur ein echter Künstler es kann. Sie war noch sehr jung, erzählt die Glückei, und bat den Unterschied zwischen Hamburg und Hameln, der Heimatstadt, in der sie von allen gekannt wurde und dem kleinen, gott- und weitverlassenen, trübseligen Örtchen wohl empfunden, aber wenn sie am Morgen um drei Uhr, während noch die dunkle Winternacht alle Dinge in ihre kalten, grauen Schleier hüllte, in der Wohnstube, die neben ihrer Schlafkammer lag, die Schritte ihres Schwiegervaters hörte und vernahm, 1rtie er auf- und abgehend ein Lied vor sich hinsummte, da versank alle Sehnsucht und aller Kummer in dem einzigen Gefühl der unendlichen Liebe zu diesem alten Mann. Ein Jahr lang lebte sie in Hameln, dann zog sie mit ihrem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.