Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Als man dann die Tote wieder bestattet hatte, fand sie Ruhe und wurde niemals mehr gesehen. Eine seltsame Frau muss auch die Grossmutter der Glückei, Mate, gewesen sein. Sie und ihr Mann Nathan Mehlreich waren mit ihren Kindern aus Detmold, von wo man sie vertrieben hatte, nach Altona gekommen, und hatten sich dort angesiedelt. Sie brachten viel Geld und edle Steine mit sich und hatten sich ganz gut in der neuen Heimat eingerichtet. Ein Sohn und eine Tochter waren bereits verheiratet, da kam die schreckliche Pest, die niemanden verschonte, auch vor dem reichen Chajjim Fürst nicht zurückwich, und tötete Nathan Mehlreich und einige seiner Kinder. Als die Seuche endlich erlosch, blieb Mate mit 2 Kindern verarmt zurück, ihr Haus war geplündert, ihr Geld verschleudert Nach Jahren der Not und Entbehrung gelang es ihr, ihre Tochter Ulik zu verheiraten, die andere Tochter (Glückeis Mutter) war eine geschickte Spitzenklöpplerin geworden, die sich und ihre alte Mutter durch ihrer Hände Arbeit erhielt. Als sie später Löb Pinkerle heiratete, kamen für die beiden Frauen bessere Tage Glückeis Vater hat die Mutter seiner Frau sehr liebevoll im Hause aufgenommen und ist von keiner Messe zurückgekommen, ohne ihr ein Geschenk mitzubringen Die alte Mate lebte angesehen und geachtet bei ihren Kindern, und war schon gegen 74 Jahre, als polnische Flüchtlinge aus Wilna nach Hamburg kamen, verhungert, elend und mit ansteckenden Krankheiten behaftet. Viele lagen damals krank im Hause Löb Pinkerles, auch zwei seiner Kinder, darunter Glückel, ergriff die Krankheit, am ärgsten aber traf es die alte Grossmutter. Als sie ihr Ende nahen fühlte, liess sie alle Kinder und Kindeskinder kommen und sprach zu ihnen: ״Du, mein lieber Schwiegersohn, hast mir nicht nur Nahrung und Kleidung gegeben, sondern auch oftmals Geld geschenkt, damit ich es nach meinem Gefallen verwenden möge. Ich habe dieses Geld nicht verbraucht, sondern auf kleine Pfänder verliehen und so 200 Reichsthaler erspart. Von rechtswegen gehört nun dieses Geld dir, aber wenn dti darauf verzichten wolltest, so möchte ich es den armen Kindern meines Sohnes hinterlassen.“ Auf diese Rede folgte eine allgemeine Rührung, der Schwiegersohn verzichtete auf die 200 R T. und die alte geschäftstüchtige Grossmutter segnete Kinder und Kindeskinder und starb zufrieden. Die schönste Partie dieses Buches, vielleicht der ganzen Memoiren, ist die Schilderung von Glückeis Vermählung. Das ist wirklich köstlich geschrieben, niemand dürfte das der Frau Glückel so bald nachthun. Da vergisst sie jede Pose, jedes Moralisieren, eine liebe entzückende Frau erzählt eine liebe, entzückende Geschichte, und schon um dieser paar Seiten wegen lohnt es sich, die ganzen Erinnerungen zu lesen.