Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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6 erreicht haben. Ein Mann hatte sogar nur 2000 Reichsthaler, aber dafür hat er sich sehr schön ,.geführt“ und wurde deswegen mit für voll genommen. Aber selbst der, erzählt die Glückei, der nur 120 Reichsthaler im Vermögen hatte, hat es sich ganz wohl sein lassen und die wohlhabenden Juden haben besser gelebt, als die Reichen unter den Andersgläubigen. Geradezu begeistert spricht sie von der Hochzeit ihrer Schwester Handelche, die den Sohn von Gumpel aus Gleve geheiratet hat. Niemals vorher war solch eine Mitgift (1600 R T) gegeben worden und alle Welt sprach von diesem grossen ״Schidduch“ Trotz dieser, nur zu natürlichen Wertschätzung des Geldes war die Mutter der Glückei ein armes vaterloses Mädchen. Der Vater hatte schon vorher eine Frau gehabt, eine Witwe, die ihm ein Kind mit in die Ehe gebracht hat. Dies ist die berühmte Halbschwester der Glückei, die schon als Kind französisch und Klavier gekannt hat und von der Prof. Dr David Kaufmann sagt: ״Die feinere Sitte hatte darin (in Glückeis Vaterhaus) längst eine Heimstätte; eine Halbschwester Glückeis war als Kind bereits im Französischen unterrichtet worden.“ Es ist aber doch ein bischen gewagt aus den Kenntnissen eines Mädchens, das einen andern Vater und eine andere Mutter hatte, auf die Kenntnisse der Glückei zu schliessen. Auch Glückei erzählt viel Liebes von dieser Halbschwester. Sie soll ein ungewöhnlich schönes und kluges Mädchen gewesen sein und hat einmal ihrem Stiefvater einen artigen Dienst geleistet. Als sie einst am ״Kiaffzimmer“ (Klavier) stand, traten zwei Männer in die Stube, die auf ein Pfand warteten, dass sie auslösen wollten. Sie beredeten sich nun ״auf französisch“ das Pfand zu nehmen und damit fortzulaufen, ohne das geborgte Geld zu bezahlen. Das Mädchen verstand alles und als der Stiefvater hereinkam, sang sie ihm zu: .,Gieb das Pfand nicht heraus!“ — Glückeis Vater hat dieses Stiefkind sehr geliebt und es ganz wie ein eigenes betrachtet. Er verheiratete sie später mit Oallmann Aurich, einem angesehenen und wohlhabenden Manne, aber die schöne junge Frau starb schon nach der Geburt des ersten Kindes. Nun trägt die Glückei eine richtige Gespenstergeschichte einfach und packend vor: die arme schöne Frau war also begraben, da kamen Leichenräuber, zerrten sie aus ihrer Gruft und stahlen die Leichengewänder. In der Nacht erschien die Tote einer Frau, erzählte, wie man sie in ihrer Ruhe gestört und bat um neue Kleider. Man eilte auf den Friedhof, und als man sich überzeugt hatte, dass wirklich eine Totenberaubung vorliege, setzten sich die Frauen zusammen, um für die Leiche neue Gewänder zu nähen. Ais sie noch arbeiteten, trat eine Magd ins Zimmer und schrie entsetzt auf: ״Eilt euch, ihr Frauen, seht ihr denn nicht, dass das ״Mess“ unter euch sitzt und wartet!“