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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1901-01-01 · 1 (1901) Heft VII · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1901
Issue
1 (1901) Heft VII
Date
1901-01-01
Page
Seite 4 (sequence 5)
Language
German
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4 Strick zugeworfen hätte, an dem er sich festhielt und der ihm zur Rettung wurde. — Nun beginnt eine Paraphrase: Wie jener Mann sind wir in das Meer des Lebens hinausgeworfen und wir wären hilflos verloren, wenn uns nicht in der Lehre Gottes ein rettendes Seil gegeben wäre, an das wir uns klammern können in unserer Angst und Not. — Ein Hauch von Grösse, von Erhabenheit, von Musik liegt in dieser Darstellung, wir fühlen darin das ewige Meer und das ewige Leben und die Angst und das Zittern der Kreatur. Manchmal aber ermüdet und langweilt sie durch Wiederholungen und langatmige Betrachtungen wie in der merkwürdigen Geschichte vom Vogel und seinen Jungen oder vom Leibarzt des Königs. Schön ist wieder die letzte Erzählung in diesem ersten Buche, wie ein Philosoph mit seinem Freunde eine Höhe ersteigt und ihm alle Häuser der Stadt zeigt: ״Siehe, ein jedes Haus verbirgt ein Leid!“ Wir alle, wenn wir erst eine gewisse Höhe erstiegen haben und die Wohnungen der Menschen zu unseren Füssen liegen sehen, — wir alle wissen, dass jedes Haus sein Leid verbirgt und wenn wir auch nicht, wie der Freund des Philosophen in Glückeis Geschichte, unser Leid nicht vertauschen wollen, weil es am Ende noch das leichteste ist, sondern weil es uns am teuersten und keinem andern zu vergleichen, so fesselt uns doch das Bild der schweigenden Häuser mit dem verborgenen Leide unter den verstehenden Blicken der beiden Männer auf der Höhe. Rührend ist es, wie sich die Glückei mit den vielen unbegreiflichen Dingen im Leben, dem seltsamen Walten des Schicksals abzufinden sucht. Sie ahnt, dass da ein Geheimnis verborgen ist, dass da unbekannte Gesetze wirken müssen nach einer höheren Gerechtigkeit als die der Menschen; aber all das kommt ihr nicht klar zum Bewusstsein und so sagt sie nur: Wir können es nicht begreifen, aber es wird schon alles gut sein, der Bose wird bestraft, der Gute belohnt werden, wenn nicht hier, so doch in jener Welt. Sie hat den primitiven vertrauensseligen Glauben eines Kindes, sie übt keine Kritik, und wenn das Leben und das Geschick diesen ererbten Lehren widersprechen, so flüchtet sie sich hinter die ewige Vergeltung und ist beruhigt. Gottes Walten ist überall ersichtlich, sagt sie, und sie fordert ihre Kinder zum Glauben und Vertrauen auf. Sie ist wirklich glücklich; sie hat niemals vor dem grossen Nichts den leisesten Schauer empfunden, sie hat niemals dem Leben in die leeren Augen geblickt, sie weiss nicht, aber sie glaubt und wir beneiden sie darum, wir, die wir im Wissen fast nicht weiter gekommen sind und im Glauben so Vieles verlernt haben. Erst im zweiten Buche beginnt sie wirklich mit der Geschichte ihrer Memoiren. Wieder erzählt sie, wie sie nach dem

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