Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1901
- Issue
- 1 (1901) Heft VII
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2642950-2642960-2642961--0612-2643543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 liehe Schaffenslust beseelten sie und daher kommt es auch, dass wir die alte Glückei als so modern, so lebendig, so liebenswert empfinden. Sie war nicht gelehrt und nicht so unendlich vortrefflich, aber sie dachte, dass es notwendig sei, gelehrt und vortrefflich zu sein, weil das die einzigen Eigenschaften waren, die sie ihr Leben lang rühmen hörte. In Wahrheit war sie keine Moralistin, sondern eine Künstlerin, die einen schöpferischen Geist und den Blick eines Malers besass, gepaart mit der Unsicherheit der Eitelkeit, den kleinen Verstellungen und Komödieen und der Plauderlust des echten Weibes. Sie muss reizend gewesen sein, die liebe Glückei, viel, viel reizender, als Kaufmann es ahnte, und ihre Passion war das Erleben und das Schildern. Ihre Lebensfreudigkeit und Lebenslust waren unverwüstlich, das Morgen ein goldener Schimmer für sie und sie hoffte und liebte mit der ganzen Kraft ihres immer jungen, immer thörichten Herzens. Was erzählte nun diese interessanteste aller Frauen? Sie beginnt mit moralischen Betrachtungen und belehrenden Erzählungen. Sprichwörter wechseln mit eigenen Sentenzen ab, Ermahnungen an ihre Kinder mit den Schilderungen von der Nichtigkeit und Wertlosigkeit des menschlichen Lebens, den Lobpreisungen Gottes und der himmlischen Seligkeit. Niemals erfahrt maji Genaues, woher sie die zitierten Geschichten kennt, sie scheint sie aber teilweise abgeschrieben zu haben, zur Unter- Stützung der von ihr vorgetragenen Ansichten über unser irdisches Dasein und seine Qualen, den Lohn, der den Gerechten endlich zuteil wird, der Strafe, die den Bösen sicherlich weilt. So wenig war sie selbst von der Wahrheit dieser Meinungen überzeugt, so dringend schienen ihr diese der Belege zu bedürfen, dass sie fast wahllos eine Fülle von Aussprüchen der Gelehrten, Erzählungen und Sprichwörtern um ihre Thesen gruppiert Die ewigen Gesetze von der Schönheit und von der Güte, der Einfachheit und dem Verstehen, die heute die schweigende Voraussetzung überall da bilden, wo ein Mensch von seinem innem Leben zu einem andern Menschen spricht, diese ewigen Gesetze, die auch in ihr lebten, werden übertönt von der ererbten Werturteilen über gut und böse, gerecht und ungerecht, gottlos und gottesfürchtig. Das ganze erste Buch ist in dem hochtrabenden moralischen Style gehalten, Frau Glückei geht mit tragischen Schritten in dem starren Glanz dieser erborgten Ansichten einher und forscht in unseren Augen nach unserer Bewunderung. Die wird ihr aber erst viel, viel später zuteil, vorläufig begnügen wir uns zu hören und zu staunen. Aber selbst in diesem weniger fesselnden ersten Buche wirkt sie zuweilen packender als manch ein moderner Erzähler. So trägt sie einmal folgende Geschichte vor: Ein Mann fiel ins Meer. Sicherlich wäre er ertrunken, wenn ihm nicht der Schiffer einen