Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1901-01-01 · 1 (1901) Heft VII · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1901
Issue
1 (1901) Heft VII
Date
1901-01-01
Page
Seite 2 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2642950-2642960-2642961--0611-2643542
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 eine Zeit, in der die frechsten französischen Madrigals gesungen wurden und in der man im tollen Durcheinander lachte und folterte, tanzte und verbrannte־, eine Zeit, in der sich alle Flammen der erdenklichsten Leidenschaften zu einem hellen Brande vereinigten, eine Zeit, die noch heute Schrecken und Bewunderung erregt und aus der man wohl mit Recht interessante Berichte erwarten dürfte. Aber in den Memoiren der Glückei von Hameln wird inan vergeblich nach einem Spiegelbilde dieser tollen, erregten genussfrohen Zeit suchen, es geht recht ernsthaft in den sieben Büchern der Denkwürdigkeiten zu, recht verständig, recht belehrend und Frau Glückei trägt ihre Tugend wie ein schönes Erbkleinod oft und gerne zur Schau. Wer darüber staunt, der bedenke, dass sie Jüdin und als solche vom Geschicke selbst ausserhalb des glänzenden und lasterhaften Kreises ihrer Geschlechtsgenossinnen gestellt war. Also ist nicht eigentlich der Inhalt das Wunderbare an diesen Memoiren, die Glückei hat, — so bedeutungsvoll und wichtig ihr Schicksal für sie selbst war, — doch nicht mehr erlebt und es auch nicht anders erlebt als tausende von jüdischen Frauen, aber sie ist die einzige, die uns Aufzeichnungen über ihr Leben hinterlassen hat, und dass sie solche überhaupt geschrieben, das ist das Erstaunliche und Seltsame. Sie mag das Ungewöhnliche ihres Beginnens wohl selbst gefühlt haben, denn sie versucht es, einen innern Grund, ein zwingendes Muss für ihr Unternehmen zu finden. Sie erzählt (Seite 3): ״Wenn mir die malkulischi (melancholische) Gidankin seinen gikumin .... alsu ich manichi Nacht schlaf los zu gibracht ... also ich uft auf gestandin und die schlof lusi Nacht damit zugibracht“. Nämlich mit Schreiben. Mit sicherem Fraueninstinkt hat sie einen Beweggrund herausgesucht, der am meisten auf das Gemüt ihrer Kinder — die sich sie vor allem als ihre Leser dachte — wirken musste und sie wiederholt diese rührende Klage bei jeder passenden und nicht passenden Gelegenheit. Seltsamerweise hat sie auch bei ihrem Entdecker und Manager Prof. Dr. David Kaufmann mit den melancholischen Gedanken Glauben gefunden, ein unbefangener Leser wird aber doch an dem fortwährenden Trübsinn und den ״ ewig schlaflosen Nächten der armen Glückei ein wenig zweifeln. Überhaupt entwirft Kaufmann in der Einleitung zu dem Buche ein Bild von seiner Heldin, das zwar glänzend gemalt aber teilweise falsch gezeichnet ist und im Grunde genommen nur die knappste Familienähnlichkeit mit der wirklichen Glückei besitzt. Schon was er über die grosse Bildung Glückeis sagt, erweist sich bei näherer Prüfung als unzutreffend und ihre That ist uns um so wunderbarer, je mehr wir einsehen, wie wenig ihr Geist von Erziehung und Vorbild beeinflusst wurde. Sie war nichts als eine einfache Judenfrau, aber ein gewaltiges Streben, eine ungewöhnliche Energie und eine kost-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.