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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1900-01-01 · 2 (1900) · p. Seite 113

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1900
Issue
2 (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 113 (sequence 18)
Language
German
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113 Sommer Hebt das Freie sie, — doch nimmt vor Frost sie sich in Acht, — darum versorgt sie sich mit Brot — eh* fühlbar wird des Winters Macht; — an Weizen hat sie Mangel nie, — und ihre Mazza ist bewacht1); — lebendig dann begräbt sie sich, — sobald die Ernte ist vollbracht; — sperrt ihre Statt', wie Jericho, — hält zu das Thor bei Tag und Nacht; — bis wieder naht die Sommerszeit, — des Hauses Pforten auf sie macht, — entwindet sich der Feste Schoss, — eilt nach Bet-Lehem2) auf die Jagd; — sie wähnt, dass wenn umher sie schweift, — so wird sie los der Sünde Tracht3); - und während früh noch alles schläft, — hat sie sich schon hinausgewagt. — Bewegend sich von Ort zu Ort, — wie jemand, der Geschäfte macht, — sie lehrt die Menschen emsig sein, — wer hat ihr dieses beigebracht? — Im Bette wälzt der Träge sich, — sie aber schaut des Frühlings Pracht“. 5. Viel gelesen wurde in jüdischen Kreisen das Fabelbuch Misle su'alim des Burgunders Berekja ha־naqdan. Darin findet sich die Fabel: ״Ameise und Wespe“, welche wir mit einigen Abweichungen in der Lafontaine’schen Fabel: La fourmi et la cigale wiedererkennen. Halte Dich fern vom Hause des Thoren, Versehliesse vor ihm Augen und Ohren! — Zur Ameise einst die Wespe kam. — ihre Hilfe sie in Anspruch nahm. — Sie sah sich verlassen und verlor’n, — hatte weder Weizen noch Korn. — Doch die Ameise ihr den Rücken kehrt, — sie selbst für den Winter des Kleides entbehrt. — Sie weist sie mit barschem Wort zurück — und fertigt sie ab mit höhnendem Blick: — ״Sieh’ zu, ob einer Gefallen findet — an Dir, die Du träumst, wenn man Garben bindet, — und nicht Dich siehst mit Nahrung vor. — Wer wäre wohl ein solcher Thor, — dass er Dir reichte milde Gabe! — Ich wenigstens nichts für Dich übrig habe! — Was thatest Du denn zur Sommerszeit, — als die Felder prangten weit und breit — und überall hob die Ernte an, — an seinen Unterhalt dachte jedermann, — für den strengen Winter sich zu versorgen? — Du Faule dachtest: Ich bin geborgen. —Ich brauche mich ja nur zu bücken, — um von den Halmen die Aehren zu pflücken. — Doch ich habe gesammelt und Nahrung geborgen, — ״ ףAnspielung auf 2 B. Mos. cap. 12, v. 17: ״Ihr sollt die Mazzot (Fest der ungesäuerten Brote) beobachten‘'. — welche Mahnung von der Tradition auch in dem Sinne vernommen wird: Ihr sollt die Zubereitung der ungesäuerten Brote (Mazzot) streng überwachen, dass nicht der Teig, oder schon das Mehl selbst und die Getreidekörner in Säuerung übergehn. 2) Name der Geburtsstadt David’s. hier in appellativischer Bedeutung: Haus des Brotes. 3) Ihre Unthätigkeit im Winter sucht sie durch übermässige Thätigkeit im Sommer wieder gut zu machen.

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