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Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde · 1900-01-01 · 2 (1900) · p. Seite 112

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Journal
Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
Volume
1900
Issue
2 (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 112 (sequence 17)
Language
German
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112 begehrend und beschwörend, dass man sich ihrer erbarme; — dass man sich gegen sie grossmütig benehme — und sie nicht beschäme; — dass man ihr vom Segen der Tenne — etwas vergönne, — und sie nicht lasse darben — bei den vollen Garben; — dass man sie lasse lesen frank und frei — und ihr gebe kein Geschrei; — dass vielmehr einer zum andern möchte sagen: — ״Lasst uns sie nicht verjagen! — seht, wie sie sich muss plagen! — ihr Behälter ist geleert, — und Saatfelder sind ihr nicht gewährt.“ י— So eilt sie täglich, wie es nur tagt, — aus, wie eine Magd, — und macht Jagd — auf Verlorenes und Vergessenes, — das ihr behagt, — wie rechtlich ErkornCs und ihr Angemessenes. — Ihr Verstand — öetzt sie in den Stand, — sich Nahrung zu holen aus fernem. Land, — und Brot und sonstige Esswaren — für Hungersnot in Misswachsjahren — - aufzubewahren. — Drum ist ihr jedes Körnlein, das ihr wird bescheert, — wie ihr Augapfel lieb und wert, — sie beeilt sich, es zu vergraben, — damit ihm Sturm und Regen nichts anhaben; — und unverletzt bleibt Weizen und Dinkel, — weil sie schützt des Schachtes Dunkel. — Und zieht der Winter ein in’s Land — und hüllt sich die Erde in ein Leichengewand, — so dass die Menschen das Freie fliehen — und in s Haus zurück sich ziehen: — dann verschleusst sie ihre Vorratskammer geschwinde — und speist ihr Hausgesinde — mit dem, was ihr Fleiss aufgespeichert, — womit ihre Rührigkeit sie bereichert. — So sind ihre klugen Werke — ein Beweis für ihres Schöpfers Weisheitsstärke; — und ihr selbst erblühet Ruhm aus ihren Saaten. — Drum Heil dem Rührigen und Regen, der sich ein Beispiel nimmt an ihren Thaten, — doch wehe dem Langwierigen und Trägen, der von ihr sich nicht lässt raten; — ihm droht das traurige und schaurige Loos, — einherzugehen nackt und bloss, — zu müssen küssen des Kummers hagere Lippen, — und zum Erbarmen zu umarmen des Mangels magere Rippen.“ Und nun begann er sein Gleichnis und sprach: ״Die Heldendirn' in schwarzer Tracht — die Dirnen all7 zu Schanden macht; — nicht Gürtel kennt sie und nicht Gurt, — doch ist gerüstet sie mit Macht; — wie Myrrhe ist ihr Leib gefärbt, — doch My^rhen-Duft sie stolz verlacht; — früh geht sie auf die Lauer aus, — noch eh7 es tagt, ist sie erwacht; — die Sorg für ihren Unterhalt verkürzt den Schlaf ihr in der Nacht; — wenn Tagelöhner auf erst steh’n, — steht sie schon munter auf der Wacht; — sie häuft Getreide-Vorrat auf, — ist stets auf Hungersnot bedacht; ־־ und jedes Körnlein, das sie fängt, — vergräbt sie hurtig in den Schacht; — sie wühlet in der Erde Leibr — höhlt Grotten aus für ihre Fracht, — und alles, was sie sammelt ein, — das wird von ihr dahin gebracht; - auf Einbruch geht sie täglich aus, — und kommt doch niemals in Verdacht; — im

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