Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1900
- Issue
- 2 (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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109 ״Weshalb aber“, fragte der König weiter, ״hat von allen Ameisen keine das Wort ergriffen ausser Dir?44 ״Weil ich ihre Königin bin44, lautete die Antwort. Es war Machsamah, die Königin der Ameisen. Salomon sprach nun zur Königin: ״Du sollst mir eine Frage beantworten.“ Doch sie antwortete: ״Es ziemt sich nicht, dass, der Fragende hoch und der Gefragte tief steht.“ Salomo hob sie empor und stellte sie vor sich hin. Aber auch hiermit war die Ameise nicht zufrieden, der König sollte sie auf seine Hand nehmen; denn es zieme sich nicht, dass der Fragende auf einem Throne sitze und der Gefragte auf der Erde. Der König that es, er hob sie auf seiner Hand bis zur Höhe seines Gesichtes und fragte: ״Giebt es in der Welt einen, der grösser ist, als ich?“ ״Ja“, sagte die Ameise. Der König fragte: ״Wer ist es?“ ״Ich", erwiderte sie. Der König fragte weiter: ״Wieso bist Du grösser als ich?“ Sie sprach: ״Wäre ich nicht grösser als Du, so hätte Dich Gott nicht gesandt, dass Du mich auf die Hand nehmest.“ Als Salomo dies hörte, da entbrannte sein Zorn. Er warf die Ameise zur Erde und rief: ״Du Ameise, weisst Du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Salomo, der Sohn des Königs David (Friede mit ihm!)“ Die Ameise antwortete: ״Wisse, dass Du von einem verwesenden Tropfen herstammst (Abot III, 1) und überhebe Dich nicht!“ Da fiel Salomo auf sein Antlitz nieder; er schämte sich und errötete bei den Worten der Ameise. Er gebot dem Winde: ״Hebe den Mantel und lass uns weiter reisen!“ Der Wind hob den Mantel und die Ameise sprach zu Salomo: ״Fahre hin! Aber vergiss nicht Gott und überhebe Dich nicht gar zu sehr!“ 2. Samuel ibn Chisdai’s Ben ha-melek wöha-nazir, eine hebräische Bearbeitung des unter dem Titel Balaam und Josafat aus dem Griechischen in’s Arabische übertragenen Moralgedichtes lehrt in der XV. Pforte (nach Meisel W. A., Prinz und Derwisch, 2. Auf!., S. 180): ,,0, lerne früh, Bedacht darauf nehmen, Dass dich die Ameisen durch Vorsicht nicht beschämen, Die sorgsam sammeln ihre Winterkost, Bevor die Erde deckt der kalte Frost.“ 3. Eine Uebertragung aus den arabischen ״Abhandlungen der lauteren Brüder“ ist die in jüdischen Kreisen eingebürgerte und deshalb auch zur jüdischen Literatur gezählte Arbeit des Kalonymos ben Kalonymos ben Meir, Maestro Calo genannt: Tggeret ba'ale chajjim. Darin heisst es Pforte IV, Abschnitt II (Landsberger J., Igg. b. ch , Darmstadt 1882, S. 141 f): ״Das Verfahren der Ameisen inbetreff der Sammlung ihres Lebens- Unterhalts und ihrer übrigen Handlungsweise . . . Wenn doch jene Männer, mein Herr und König, in Wahrheit auch die Art und Weise der Ameisen kennten! Sie graben unter der Erde, errichten