Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1900
- Issue
- 2 (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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106 unterlässt (vergl. Sifre Hayazinu. Jalqut Josua 35). 6. Wenn einst die Bösen vor Gott erscheinen und ihn bitten, sie Busse thun zu lassen, so wird ihnen Gott erwidern: ״Ihr [Universal-] Thoren! Die Welt, aus der ihr kommt, gleicht dem Freitag und diese Welt dem Sabbat. Wie will man nun, wenn man am Freitag sich nicht vorbereitet, am Sabbat zu essen haben?! Oder wie will jemand auf dem Meere essen, wenn er sich vom Festlande nichts zu essen mitgenommen?! Oder woher soll man Unterhalt in der Regenszeit (im Winter) haben, wenn man nicht gepflügt, gesät und geerntet hat?! Deshalb heisst es: ״Geh’zur Ameise. Fauler!4‘ Die Ameise hat weder Beamten und Herrscher, sie weiss sich mit ihrer Klugheit allein zu helfen1,) und ihr habt in eurer Trägheit und Beschränktheit von ihr nicht gelernt und euch nicht gebessert; deshalb sagt Salomo: ״׳Wie lange, Fauler, willst du schlafen!44 (Jalqut zu Prov 6, 6). 7. Hätte uns Gott nicht die Heilige Lehre gegeben, so hätten wir aus den Tugenden der Tiere, so an der Ehrlichkeit der Ameise, allein treffliche Lehren ziehen können (Erubin 100b, vgl. Wiesner J., Scholien zum babylon. Talmud, Prag 1862, Heft III, S. 186 f.). II. Auf dieser Linie führt die Betrachtung von der Ameise zu ihrem Schöpfer, sie wird Gegenstand rein religiöser, religionsphilosophischer und religionsge setzlicher Erörterung, Teleologisch erklär! man ihre weichen Fühler mit ihrejn Aufenthalte zwischen Brennesseln, wodurch harte Fühler leicht verletzt werden könnten (Sabb. 77b). 2. Ihr Anblick giebt beim Gedanken an ihre wunderbare Lebensweise das Gebet ein: ״Deine Gerechtigkeit, 0 Gott, ragt hoch empor“ (Chullin 63a). 3. Doch konnten ihre' Schwärme (vgl. Brehms Tierleben) wohl Schrecken einjagen und zur Ansetzung eines Fasttages führen. Aber gerade für die Ameisen bezeichnend ist dort R. Jehudas Ausruf: ״Sie haben ihre Speise wohl mitgebracht (Ta‘anit 21b). 4. Wer eine Ameise isst, wird fünfmal geschlagen, weil ihr Genuss durch ein fünffaches Verbot in der Tora untersagt ist (Makköt 16b). 5. III, 4. III. Hieran schliesst sich eng die feldwirtschaftliche Bedeutung der Ameise in der talmudischen Agrargesetzgebung an, welche neben jenem kategorischen Aufruf Salomos die Beobachtung der Ameise wohl am ehesten nahelegte (vgl. Büchner L., das Geistesleben der Tiere, Berl. 1876, über die Ameise). Fand man z. B. auf dem Felde Getreide in Ameisenlöchern, so konnte es fraglich erscheinen, ob es dem Herrn dem Feldes oder, als ״Auflese44, den Armen zukomme. Man konnte dabei zwischen dem diesjährigen reifen und unreifen bezw. dem vorjährigen Getreide der Farbe nach unterscheiden (Pe’a 4, 11). 2. Oder fand man neben einem *) Vgl. Sochar tob zu Misle (Lemberg 1861) p. 6 b.