Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1900
- Issue
- 1 (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 massig zahlreiche und fähige Vertretung1). Möglich, dass auch hier der Trieb nach Unterhalt des Lebens und des Geistes, der den Juden sonst so arg verkümmert wurde, sie gerade auf dieses Gebiet geführt hat. Doch ohne Frage fanden sie die erste und kräftigste Anregung zu dieser Thätigkeit in ihrem volkstümlichen Schrifttum. ״Jeder sein eigener Priester, jeder sein eigener Arzt“, das war ursprünglich das Ziel ihres wissenschaftlichen Strebens. Schon das mosaische Gesetz‘2) entwickelt medizinische Lehren, welche erst auf dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft gebiihrende Würdigung erfahren können. Die Sozialhygiene findet hier bereits ihre Anwendung in dem Gebote geregelter Arbeit und der Sabbatruhe, wodurch allein die Ermüdungsstoffe zweckmässig ausgeschieden werden, in der Regelung des Sexuallebens auf dem Hintergrund des Atavismus. Die Meldepflicht bei Pilzwucherung im Hause, das Desinfizieren der Kriegsbeute, das Misstrauen gegen offen stehendes Wasser3), die Gewinnung einer aseptischen Substanz beim ״Opfer der roten Kuh“ sind durchaus im Geiste der heutigen Wohnungs- und Nahrungsmittelhygiene, ebenso Avie das Isolieren bei ansteckenden Krankheiten noch heut als das Wichtigste in solchen Fällen gilt. So musste denn selbst ein Tacitus von den Juden bekennen: corpora hominum salubria et ferentia laborum. Im Exil bildeten sich die Juden an Aristoteles, Celsus und Galenus, Avährend andererseits jüdische Medikamente in Galens Pharmakopoe übergingen4 5). Und aa■ ährend noch Galen seine anatomischen Studien am Affen anstellt, schreiten jüdische Ärzte zu Sektionen fort 3). Doch verboten sich diese bald von selbst durch die damit für die jüdischen Ärzte verbundene Gefahr. Jedenfalls kannte man den Kaiserschnitt, s0AATie andere Einzelheiten der modernen Gynäkologie, den Aderlass, die Gelbsuchtheilung, die Tieranatomie u. a. m. Auch unter den Arabern zeichneten sich die jüdischen Ärzte oft vor den einheimischen aus. Isaak Israeli galt noch dem Herausgeber seiner Schriften, 600 Jahre nach seinem Tode, als ״medicorum monarcha“. An die jüdischen Lehrer an den Hochschulen Italiens erinnert ״der arme Heinrich“ Hartmanns von der Aue. Für die Bedeutung der jüdischen Ärzte zeugen aber am beredtesten die trotz aller Judenfeindschaft zahlreichen Leib- ף Vgl. ein Judendoctor in Hamb. (K. F. Paullini’s heilsame Dreckapotheke. Stuttg. 1847 I 33). Arzt Joel (das. 129). Mitt. I S. 110. 2) Vgl. Ehrmann S., Die Juden in der Medicin und Naturforschung (Vierteljahrs-Bericht der österr. isr. Humanitätsvereine B’nai b’rith Wien 1898;. 8) Vgl. Wiesner. Scholien z. bab. Talrn. II 212. fl über Marcellus Burdigalensis und Gamaliel s. Perles etyrnol. Studien 77. — Das sagenhafte, dem König Salomo zugeschriebene Sefer refu’oth s. unten § 176. 5) So Avurde der alte Glaube an einen Knochen im Herzen, der unve!- weslich sei (Mitt. I S. 108 Nr. 83, vgl. unten § 22 Anm.), erst von Vesalius und hierauf von Ingrassias Aviderlegt (Sprengel III 70).