Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1900
- Issue
- 1 (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 BuchdrLickerkunst das Mittel zur raschesten Verbreitung ihrer Lehren. Was bisher Wissenschaft der Gelehrten, wird nun als Gemeingut des Volkes verzettelt und ruft oft zum barsten Unsinn entartet, eine heillose Verwirrung der Geister hervor. Vor allem ist es der Einfluss des Qabbalisten Isak Lurja, der sich seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts1) bis auf den heutigen Tag unter den Juden Osteuropas behauptet hat. Hier ist es wieder vorwiegend die praktische Qabbala, die hauptsächlich durch ...Namen“ Wunder wirken will, welche durch Zusammen- und Um- Stellung der Worte und Buchstaben einzelner Gebete '2) oder Psalmen2) gebildet werden3). Nirgends fand diese Lehre einen so ergiebigen Boden wie in Deutschland. Hier hatten sich, unabhängig von der spanischen Entwicklung, qabbalistische Lehren eingebürgert, deren Ursprung auf Oberitalien hinweist, und als deren Träger vor allem Juda der Fromme aus Regensburg und Eleazar aus Worms4) gelten. Schon die älteste Quelle, aus der wir die Kenntnis dieser Mystik schöpfen, ..das Buch der Frommen“, zeigt, indem es selbst den Grundsatz aufstellt: ״Wie sich’s christelt, so jüdelt’s sich“, welch verschwindend geringen Anteil das Judentum an diesem Volksr) Über italieii.-jüd. Volksglauben s Jiid. Presse 1874 S. 162. Mag. f. d. Wiss. d. Judent. I S. 37. Berliner, Juden in Rom I 66 (Amulette in Gräbern). '־) Ansätze zu solchen Spielereien (vgl. Wiesner, Scholien II 194 f.. Epstein. Rech, sur le sefer Ye9ira p. 5, Rev. et. juiv. 1894 u. unten §§ 198 u. 238 Anm.), indem z. B. statt jedes Buchstabens der entsprechende in der umgekehrten Ordnung des Alphabets gesetzt wirdjnach den beiden ersten Ver- Setzungen statt Alef ein Taw, statt Beth ein Sin: Athbas genannt), finden sich bekanntlich schon Jerem. 25, 26 (sesakh für babel) und 51, 1 (leb qamaj für kasdim) u. sonst (vgl. Dukes, Rabb. Blumenlese 254 f.). Auch die unten, z. B. § 27 c. angewandte ״Gematria“. welche zwei Worte, wenn die Summen ihrer Buchstabenwerte gleich sind, auch dem Sinne nach auf einander bezieht, führt ihre Anfänge auf die Bibel zurück (vgl. Keneseth Israel I, Warschau 1886, S. 153). So will man Gen. 48,5: ״Efrajim u. Menaseh seien mir wie Reuben u. Simeon” die Worte Jakobs noch erhärten durch die Gleichung: Efrajim -f- Manaseh 726(5?!) Reuben -j- Simeon. Für die Auffassung der Qabbalisten war es von Bedeutung (s. unt. Anlig. I Nr. 5), dass מעשה מרכבה (der Thronwagen Ezechiels) 682(3?!) — Jakob -f- Josef -f־ Mose u. dass 38)642 מרכבה שלמה??!) — Abraham -j- Isak + Jakob usw. Doch abgesehen davon, dass diese Berechnungen nicht immer stimmen wollen, würden mit demselben Recht auch folgende Gleichungen gelten müssen (vgl. Ken. Jisr. a. a. 0.): Esau 376 שלוב (Friede) und כל כתבי אר״י ז״ל (alle Schriften des sei. Isak Lurja 730 — שקר והבל הבלים (Lüge und ״Eitelkeit aller Eitelkeiten“) u. ähnl. :s) Über Psalmen im Dienste der Magie s. Blau 95 4, Schindler 105 Schröder 71 ff. und Griinwakl M., Über den Einfluss der Psalmen auf die Entstehung der kathol. Liturgie, I—V 1890 — 1893. Die Anwendung von Bibelsprüchen: Blau 84. Selichotli für verschiedene Krankheiten: Biberfeld E.. Die hebr.^Druckereien zu Karlsruhe S. 32. 4) Über sein Verhältnis zu Nachmanides und dessen Bekanntschaft mit der Qabbala: Mitt. II 13. Vgl. M 1880 S. 565.