Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1898
- Issue
- 2 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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— 32 — anderen Bruder. Aber auch das Geld, welches dieser ihm schenkte, war bald verbracht. Da verfiel er denn auf eine List. Er liess sich, als der Schlüssel in seiner Hand war, einen Nach- Schlüssel anfertigen, und sobald er die Truhe wieder in seinem Hause hatte, da nahm er alles Geld, das er darin vorfand, heraus und legte dafür Steine und schwere Gewichte hinein. Doch das Geld brachte ihm keinen Segen. Bald war er wieder an den Bettelstab gelangt, und nun bestand er darauf, dass der Kasten vor der ganzen Gemeinde geöffnet werde. Doch welches Entsetzen, als man einen solchen Inhalt gewahrte! Einer von ihnen musste den Frevel verübt haben. Sie zogen also zu einem berühmten Richter, der sollte den Schuldigen herausfinden. Unterwegs begegneten sie einem Manne, der fragte sie, ob sie nicht ein herrenloses Pferd3) gesehen hätten. Der älteste Bruder antwortete: ״Ist es nicht weiss? Nun, dann ist es in jenen Wald gelaufen/‘ Der zweite fragte: ״Ist es nicht auf dem einen Auge blind?“ Der dritte aber sprach: ״Hat es nicht zwei Flaschen4) getragen, die eine mit Oel, die andere mit Wein?“ Diese Angaben stimmten alle, und da der Mann das Pferd nicht finden konnte, ging er zu jenem Richter und sagte, die Brüder müssten das Pferd gestohlen haben. Der älteste Bruder verteidigte sich, indem er sagte: ״Ich habe gewusst, dass das Pferd weiss ist. Denn ich habe in der Hand des Mannes den Zaum bemerkt, und da klebten weisse Haare d’ran.“ Der zweite sprach: ״Ich sah da am Wege das Gras immer nur auf der einen Seite weggefressen, gerade da, wo das schlechte Gras stand, das gute auf der anderen Seite war stehen geblieben. So dacht’ ich denn, das Pferd müsst’ auf einem Aug blind sein.“ Der dritte Bruder antwortete: ״Oel steht still und Wein trocknet ein 5). Das muss den Gaul auf die eine Seite gezogen haben.“ Da nun der Richter sah, welch schlaue Gesellen er vor sich hatte, griff er zu einer List. Er erzählte ihnen, es sei soeben aus Aegypten ein schwieriger Rechtsfall zur Entscheidung vor ihn gekommen. Zwei reiche Elternpaare hatten ihre beiden Kinder schon in der Wiege einander zu Ehegatten bestimmt. Als aber nach dem Tode der Eltern das Mädchen daran dachte, den Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen, fand sie an ihrem Verlobten hartnäckigen Widerstand. Dieser hatte nämlich sein ganzes Erbe vergeudet, war aber doch so ehrenhaft, da er seinen Leichtsinn kannte, das brave Mädchen nicht mit in’s Verderben ziehen zu wollen. So nahm sie denn, nachdem sie dreimal ohne Erfolg versucht hatte, diese Bedenken zu zerstreuen, einen anderen zum Manne.