Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1898
- Issue
- 2 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Am nächsten Morgen bereits machte sich unser Rokeach auf den Weg. Er bestieg eine Wolke, welche er mit Hilfe seiner Kunst herbeibeschworen hatte, und fort ging’s in’s ferne Spanien. Die Wolke flog so schnell, dass die frischgebackenen Osterbrote, welche der Meister der Vorsicht halber mitgenommen hatte, noch ganz warm waren, als er in der Stadt des Nachmanides landete5). Des Abends ging er ins Gotteshaus, wo man gerade das Pesachfest begrüsste, und stellte sich in die Nähe des Meisters Nachmanides. Dieser bat den Fremden, als der Gottesdienst beendigt war und alle freudig zum Seder eilten, sein Gast zu sein. Der Rokeach erzählte nun auf dem Heimweg, dass er ein Wanderprediger sei, wie sie damals von Ort zu Ort zu ziehen pflegten, um in den jüdischen Gemeinden belehrende Vorträge zu halten, und sprach den Wunsch aus, am nächsten Tage im Gotteshause zu predigen. Doch als Nachmanides bei Tisch mit seinen Gästen gar eifrig die Haggada las und erklärte und er den Rokeach so stumm dasitzen sah, da bekam er von seinem Wissen keine hohe Meinung. In Wahrheit schwieg aber der Wormser Weise nur, weil er allein mit Hille seiner Kunst die Haggada richtig zu verstehen glaubte. Auch kamen ihm seine Osterbrote, die auf kabbalistische Art gebacken waren, bei Tische trefflich zu statten. Als Nachmanides nun seinem Gaste die Ruhestätte anwies, warnte er ihn nachdrücklich, ja nicht ohne ihn das Haus zu verlassen. Denn der böse Fürst der Stadt Hesse jeden töten, der in einer bestimmten verrufenen Gasse ergriffen würde, zu der nur der Fürst und sein Hof Zutritt hatten. Leicht könnte sich der Rokeach, wenn er allein ausginge, dahin verirren0). Kaum war alles zur Ruhe gegangen, da eilte unser Rokeach absichtlich in jene Gasse. Die Häscher des Fürsten ergriffen ihn und sogleich wurde auf des Fürsten Befehl gerade an dem Wege, der zum Gotteshause führte, ein grosser Scheiterhaufen errichtet, auf dem der fromme Rokeach am nächsten Morgen verbrannt werden sollte. Wie war nun der gute Nachmanides erschrocken, als er seinen Gast nicht vorfand und bald darauf von dem nächtlichen Vorfall hörte. Man eilte in’s Gotteshaus, und da von dem Zorn des Fürsten noch weitere Grausamkeiten zu befürchten waren, so sputete man sich, recht bald wieder bei den Seinigen zu Haus zu sein. Auf dem Heimwege sahen die Gläubigen den Scheiterhaufen bereits in lichten Flammen stehen Dicht davor stand der arme Rokeach und ihm gegenüber der Fürst, welcher sich an dem blutigen Schauspiel weiden wollte. Als nun Nachmanides vorüberkam, da rief ihm sein unglücklicher Gast